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Welche Menschen sind unsere Apokalyptiker:innen? Eine Ikone des Widerstands zeigt ihr Gesicht und ihr Herz, dank Thilo Jung (zum internationalen Frauentag)

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Carla Hinrichs, Klimakleberin – Apokalyptikerin wie Jesus?

Einfach 2:30 Std. sehen & hören:
Zu Gast im Studio bis Jung & naiv: Carla Hinrichs, Klimaschutzaktivistin und Sprecherin des Klimabündnisses Letzte Generation, genannt: Klima-Kleberin. Eigentlich Ex-Klimakleberin, weil die Bewegung ihre Strategie reflektiert und neu kontextualisiert hat. Damit schlagen sie als Bewegung ein neues Kapitel auf. Stören soll weiter gehen, aber der Kontext hat eine Strategieänderung in Gang gebracht. Die Parteigründung der Bewegung für die Europawahl hat zum Ziel, das EU-Parlament aufmischen, der apokalyptischen Botschaft eine Bühne zu geben. Und: Statt uns in Kleingruppen aufzuteilen und Straßenblockaden zu machen, werden wir gemeinsam mit vielen Menschen ungehorsame Versammlungen machen. Und zwar da, wo wir nicht ignoriert werden können. Verknüpfen werden sie alles mit einem einfachen Appell, an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Sie werden ihn auffordern, öffentlich und ehrlich über die Klimazerstörung und das notwendige Umsteuern zu sprechen. Während ihrer Vorstellung ging mir durch den Kopf wie Jesus wohl heute in einem solchen Interview gewirkt hätte mit einer zeitgenössischen apokalyptischen Botschaft: Kehrt um, denn der göttliche Umsturz der Verhältnisse ist nahe. Es ist dringend, Gottes Plan lautet: Es ist nicht mehr viel Zeit um das Unheil zu wenden! Das Klima taktiert nicht. Gott auch nicht.

Apokalyptische Zeiten brauchen mutige & sensible Menschen

Ein Gespräch über Carlas aktivistischen Werdegang, Kindheit und Jugend, ihre Politisierung mit Amnesty, Gerechtigkeitsgefühl und Anschluss an eine niedrigschwellige Bewegung mit 10 Prinzipen und 3 Forderungen bei „Extinction Rebellion“. Bei den Demos von FFF war sie, aber ihr Ding war es nicht. Beide Bewegungen machen zwar widerständliche Handlungen („Schulstreik“ z.B. war ihr als Studentin nicht möglich, „Extinction“ macht Störung durch Unterbrechen des Straßenverkehrs; das passte ihr sehr gut). „Ich war zwar super brav. Ich hab ja auch Jura studiert!“
Ihr Jurastudium war für sie eine logische Welt wie Mathematik: immer gab es einen Anlass, dann eine Logik und daraufhin eine Konsequenz. Die Prozesse gegen sie als Klimaaktivistin sind aber politische Prozesse, die einer anderen Logik folgen. Deutlich wird in dem Gespräch, welche juristischen Logiken die Verkehrsblockaden zu sog. „gewaltvollem Widerstand" erklären. 

Wie kam es zur Gründung der Letzten Generation vor 2 Jahren: Wichtig war ein Hungerstreik vor der Wahl, um ein Gespräch mit Olaf Scholz abzustrotzen, in dem die Gruppe sich äußern konnte mit Hinweis auf den Klimanotstand. Klar wurde ihr danach, dass die Politik das „nicht regeln will oder wird!".
Der Name der Bewegung kommt von einem Zitat von B. Obama: „Wir sind die letzte Generation vor den Kipppunkten, die noch etwas ändern könnten". Oder aber „letztes Kapitel" wäre auch ein Name gewesen 🙂
Grundidee: So zu stören, dass es nicht ignorierbar ist – gelernt haben sie viel aus dem Handbuch des Aktivismus mit unterschiedlichsten Aktionsformen. Der Sinn des „Klimaklebens" wurde jedoch in der Praxis als Methode erfunden. Britische Aktivist:innen hatten das vorgemacht (bei Extinction Rebellion") und auch das Beschmutzen von Kunstwerken als Aktionsform. 

Voraussetzung: Kraft aus einem Glauben

Voraussetzung für diesen politischen Aktivismus (und die persönliche Bereitschaft für die gerichtliche Konsequenzen – bis zu Gefängnisstrafen!) ist ein „Glaube" (Grundüberzeugung), der sich tief mit der Thematik beschäftig hat. „FFF hat das Problembewusstsein geschaffen, wir haben die Dringlichkeit und Dramatik deutlich gemacht."

Thilos Fragen nach dem „Erfolg": Wir sind mit 24 Leuten gestartet, heute gibt es tausende von Menschen, die auch aufgrund von sehr viel Bildungsarbeit im Hintergrund (allein 1000 Vorträge 2023) der Bewegung angeschlossen haben. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin sage, dass die Aktionsform nicht die Zustimmung zu Maßnahmen für das Klima wegen der (abgelehnten) aktivistischen Einzelmaßnahmen mindere. Diese „...Studie macht deutlich, wie wichtig es ist, zwischen dem Ansehen der Protestgruppe und ihrem Einfluss auf die politischen Einstellungen der Menschen zu unterscheiden“, sagt WZB-Forscher Daniel Saldivia Gonzatti. „Kurzfristig wirken sich radikale Aktionen auf die Unterstützung und Legitimität von Klimaprotesten aus, aber nicht auf die Unterstützung klimapolitischer Maßnahmen.“

„Alarmismus und apokalyptische Aussagen zeigen hingegen fast keine Wirkung auf die öffentliche Wahrnehmung von Klimaprotesten. Nur jene Befragte, denen eine apokalyptische Botschaft in Verbindung mit Straßenblockaden vorgelegt wurde, äußerten mehr Unterstützung für diese Form des Klimaprotests. Allerdings liegen die Zustimmungswerte dann immer noch deutlich unter jenen für Klimademonstrationen."

Carla widerspricht: „Sich neutral verhalten bedeutet, gar nichts zu tun. Das ist das Schlimmste, was Menschen tun können". 25% der Befragten sagen, dass sie den Protest unterstützen. Ein sehr kleiner Teil Aktivisten in einer Bevölkerung kann also die öffentliche Meinung sehr stark beeinflussen.


Warum reagiert die Politik nicht? Warum ist der Systemerhalt so erfolgreich? – Weil es so unheimlich lukrativ ist (vgl. Ulrike Herrmann). Der Kapitalismus braucht Wachstum. Der globale Norden ist absolut Kapitalismusgewinner.
Warum habt ihr die Superreichen nicht gestört? Haben wir: Wir haben 30x die Ölpipelines in Deutschland gestoppt. Es gab keine Aufmerksamkeit für solche Aktionen. Und wenn es Sympathie gab (bei den Reichen auf dem Flugplatz in Sylt), ist die Lösung schnell viel zu einfach: Ich als Normalbürger und Nicht-Privatflugzeugbesitzer ziehe mich raus aus der eigenen Verantwortung.

„Wir müssen aber einen großen Teil der Gesellschaft aktivieren.... Es ist in dieser Krise niemand unbeteiligt."

Widerstand des Systems: Die Erfolgsfrage von Thilo Jung einer Apokalyptekerin zu stellen, ist zeigt auch speziell das Problem apokalyptischer Narrative: Warum seid ihr nicht erfolgreich?
Carla konterte jedesmal mit aktivistischen Methoden, verschiedenste Aktionsformen und ihre Suche nach einem wirksamen Weg, politischen Einfluss zu bekommen. (Vielleicht ist es das Los von apokalyptischen Botschaften, die zu einer Transformation, also einer "anstregenden Heldenreise" einladen, dass sie nicht gemocht werden, so lange es einfachere Alternativen gibt, die versprechen, alles könne so bleiben wie es ist – dem Narrativ fast aller politischen Akteure in der deutschen  Parteienlandschaft)

Fragen wie z. B. diese: „Wo ist juristisch der Unterschied zwischen den Aktionen der „Klimakleber" und den Straßenblockaden der Bauern? Sind auch unzählige Bauern wegen Nötigung angeklagt? In der Presse und der Sprache im politischen Raum wurden die Aktionen sehr unterschiedlich bewertet. Was aber krass ist, was die jeweiligen Motivationen waren. Die einen wollen das Klima und den Lebensraum für alle Menschen retten und die anderen wollen ihr Geld retten (Subventionen behalten).“

Zum Schluss kommen ihre Kritik am Parteiensystem und der Plan der „Letzten Generation“ ins Europaparlament einzuziehen, Bürgerräte, Carlas Prozesse wegen „Nötigung“, die Durchsuchung ihrer Wohnung im Mai 2023 uvm. 

Eine sympathische, wache Studentin – mehr nicht?

Oder: „Ich finde Carlas Arbeit extrem beeindruckend. Man muss natürlich nicht mit jeder Protestform mitgehen, geschweige denn mit jeder individuellen Protestaktion. Aber es ist unglaublich bewegend zu sehen, wie stark sich viele Menschen persönlich in unsere Demokratie einbringen. Am Ende des Tages ist Carla eine junge Frau/Studentin, die mit Mitte 20 erstaunlich viel auf sich nimmt. Und sich dann auch noch – natürlich auch auf Grund ihrer öffentlichen Position – zusätzlich für so viel rechtfertigen muss. Gegenüber der Zivilgesellschaft. Den Medien. Dem Staat. Für alles gerade stehen soll. Für alles perfekte Lösungen liefern soll. Dabei wünschte ich mir, dass sich nur wenige Millionen Menschen halb so stark engagieren würden... Wir würden sehr schnell in einem Land leben, das die Klimakrise sehr ernst nimmt. Gerade die persönlichen Konsequenzen für ihr Leben, haben mich während Carlas Schilderungen sehr bewegt. Ich glaube, die persönlichen Risiken und Opfer rütteln manchmal Menschen noch mehr auf, als so mancher Protest selber. Man muss bemerken, dass hier eine Schieflage besteht zwischen dem Protest der LG und dem Verhalten der Mächtigen, die ungestraft weiter die Klimakrise befeuern dürfen. Sollten sich an diesem Punkt nicht endlich Konzerne und Politik erklären müssen? Vielen Dank an Carla! Ein wirklich sehr sympathisches Gespräch!“ 💚

Eine spontane Reaktion: Super Folge und ich hab sehr viel Respekt vor Carla.❤ Carla scheint eine sehr sympathische, kluge, starke und liebe Frau zu sein… Hochachtung, einfach nur Hochachtung ❤

Nachdem in diesem Format ziemlich viel Raum gegeben wird, sich zu zeigen, die Hintergründe zu beleuchten, alle Warum-Fragen abzuarbeiten, erschließt sich die Person und Motivation und der Sinn ihres persönlichen Narrativs. Es ist also wichtig, diesen Raum zu bekommen im öffentlichen Diskurs, nicht nur kurze „Headlines“ in Talkshows, wo nicht wirklich zugehört wird.

Aber auch jene Reaktion ist möglich:Danke Thilo für dieses Format !!! Ab Laufzeit 01:30 hast Du wunderbar die SINNLOSIGKEIT der Bewegung herausgearbeitet, die Vergleiche zu anderen erfolgreichen Protesten und Carla hat keine Argumente mehr als : DAGEGEN sein und ALLE sind schuld. Grandioses Interview !!!" (Ironie)

Am Ende dann Fragen der Zuschauer:innen via Hans.

Es gab erstaunlicherweise am Ende (2:38 Std.) nicht viele konkrete Fragen, eher Menschen, die ihren Überdruss ausdrückten.
Carlas Antworten in Kürze zu sachlichen Fragen:

  • Das Gewaltpotential in der Gesellschaft wird bei den Störungen auf der Straße sehr deutlich, das macht Carla Angst.
  • Spannend ist und bleibt auch ihre politische Forderung nach einem Gesellschaftsrat als Demokratieverbesserung.
  • Sie erwähnt Martin Luther King als Inspirator, der erwartet, dass Aktivistinnen für das Gemeinwohl aufstehen (im Unterschied zu Lobbygruppen wie der Bauernverband).
  • Es gäbe aber keine Gallionsfiguren wie Martin Luther King, sondern viele auf vielen Ebenen (ich sage mal biblisch: viele Prophet:innen im Volk, vgl. Apg. 2), die für ihre Umgebung Leitfiguren sind.
  • Politische Beteiligung möglichst vieler Perspektiven ist daher ihrer Meinung nach die effektivste Methode für gesellschaftlichen Change.

P.S. Bilder erzeugen Narrative (Erzählabsichten, Botschaften)

Als Nachwort und Einordnung. Es geht um die großen und kleineren Erzählungen, die Narrative einer Gesellschaft (manche als Irreführung, Fake-News oder Verschwörungsmythen eben die modernen "Märchen für Erwachsene"). Ein starkes Narrativ von der Ungleichheit der Macht und den Mut der Heldinnen, die sich der Welt entgegenstellen symbolisiert das Foto in Baton Rouge.Dieses Bild ging auf Twitter viral und erzeugte unterschiedliche Geschichten, wie auch die abfälligen Kommentare zu Carla Hinrichs Protesten mehr über die Narrative der Gesellschaft, bzw. bestimmter gesellschaftlicher Gruppen offenbaren. 

„Sie war da, sie hat sich nicht gewehrt, sie machte keine Anstalten, sich wegzubewegen", sagte der Fotograf Jonathan Bachmann.(Foto: Jonathan Bachmann/Reuters).

Es ist eine schlichte Geste des Protests: Mit verschränkten Armen steht eine junge schwarze Frau mitten auf der Straße. Gerade wurde sie gemeinsam mit anderen Demonstranten, die in Baton Rouge demonstrierten, aufgefordert, die Straße freizugeben. Doch die Frau bleibt einfach stehen. Mit erhobenem Kopf schaut sie die Beamten an. Sie wirkt stolz, stark, aber doch irgendwie verletzlich. Ihr dünnes Sommerkleid weht im Wind. Vor ihr stehen bewaffnete und gepanzerte Beamte. Zwei von ihnen laufen auf die Demonstrantin zu – und nehmen sie fest.

Ikone von Baton Rouge
Ikone von Baton Rouge

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