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Noch einmal Römerbrief, Rechtfertigungs-Lehre und andere alte Zöpfe? Mit diesem Überblick von A. Perriman wird sein Ansatz und dessen Stärken deutlich.

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D. A. Campbells „moderne“ Interpretation des Römerbriefs

1700 Worte. 7 Min. Lesezeit. Der Original Text von Andrew Perriman (2010) befasst sich mit Douglas Campbell’s „unzureichend apokalyptischer Lesart“ der Rechtfertigung im Römerbrief. Anlässlich des neusten Buches von Campbell „Beyond Justification! Liberating Paul’s Gospel“ 2024 (LINK), beziehe ich mich auf Perrimans übersichtliche Zusammenfassung zu Campbells Römerbrief-Interpretation von 2010. Ob Campbell seine Position verbessert oder korrigiert hat? Aus dem Titel lässt sich eher annehmen – nein!

Das neue Werk ist von zwei Autoren geschrieben, deren Lebenskontexte wichtig sind:

Douglas A. Campbell ist Professor für Neues Testament an der Duke Divinity School. Er hat sechs Bücher über Paulus veröffentlicht, darunter The Deliverance of God (2009), auf das sich Perriman bezieht / Paul: An Apostle's Journey (2018) und Pauline Dogmatics (2020). Er ist Co-Direktor von zwei Gefängnis-Engagement-Programmen in Duke.

Jon DePue ist Absolvent der Duke Divinity School und hat mehrere Jahre lang als Leiter der christlichen Erwachsenenbildung in Kirchen gearbeitet. Derzeit arbeitet er als Experte für die Unterstützung von Lerngemeinschaften an den öffentlichen Schulen von Indianapolis.

Perriman stellt 2010 fest, dass Campbell eine gründliche und rigorose Analyse der üblichen Rechtfertigungstheorie und ihrer Mängel vorgenommen, sowie eine alternative Rechtfertigungs-Theorie der Erlösung entwickelt hat. Er lobt Campbells Analyse zwar als beeindruckend fleißig und äußerst schlüssig, weist jedoch darauf hin, dass sie auch zutiefst widersprüchlich ist und fragt sich, ob das Ergebnis uns helfen wird, den Sprachgebrauch der Rechtfertigung in Paulus’ Schriften oder sein Verhältnis zu anderen Elementen seines Denkens wirklich zu verstehen.

Perriman hebt hervor, dass Campbell in seiner eigenen alternativen Theorie, die in Römer 5-8 dargelegt ist, einen „moderne-stimmigen“ Gott postuliert, der im Wesentlichen von Wohlwollen und Güte geprägt ist

  • und sich wie selbstverständlich zu einem inkarnierten und auferstandenen Christus bekennt.
  • Weiterhin kann nur der Geist Gottes die Menschheit in Bezug auf diese paradigmatische Entwicklung wiederherstellen, wodurch das Modell in sich „Erwählungsorientiert“ und „trinitarisch“ ist.
  • Es ist zugleich historisch und spezifisch, da Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt in die Geschichte eingreift.
  • Folglich ist die theologische Erkenntnistheorie dieses Interpretationsansatzes offenbarungstheologisch und rückblickend; sie arbeitet rückwärts gewandt.
  • Seine Anthropologie (Lehre vom Menschen) ist ebenfalls grundlegend defizitorientiert,
  • und seine Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) und Ethik sind erwählend und daher wiederherstellend und befreiend.

Perriman weist darauf hin, wie die Auslegung von Anfang an als eine Wahl zwischen zwei konkurrierenden Theorien der Erlösung angelegt wurde. Die erste (klassicher) Theorie wird als Theorie einer intensiven Prüfung unterzogen. Perriman äußert jedoch grundsätzlich Bedenken hinsichtlich der Idee, es müsse eine unerbittliche Wahl zwischen zwei weitgehend abstrakten, freischwebenden Rechtfertigungs-Konstrukten innerhalb des Römerbriefs geben, um die Spannungen der Aussagen zu sortieren.

Zusammenfassend zeigt Perriman, dass Campbell’s Interpretation des Römerbriefs als „unzureichend apokalyptisch” zu betrachten ist, da sie nicht ausreichend die apokalyptischen Elemente in Paulus’ Schriften berücksichtigt. Als Alternative schlägt Perriman eine Lesart vor, die die meisten apokalyptischen Aspekte als innerweltiche Ereignisse stärker betont und so eine umfassendere und politische Sicht auf die Erlösung und die Rolle Gottes in der Geschichte bietet.

Eine wirklich apokalyptische Lesart des Römerbriefs

Perrimans Argumente im Detail zeigen, dass der theologische Inhalt des Römerbriefs bemerkenswert klar und kohärent wird, wenn man eine konsistente „apokalyptische" Erzählung in den Blick nimmt. Dies ist eine zukunftsweisende Erzählung, die ganz realistisch und biblisch – wir könnten auch sagen: politisch und prophetisch – ausgelegt werden sollte, bildet das magnetische Feld, das die zentralen Begriffe Zorn, Evangelium, Glaube(n), Rechtfertigung, Erlösung, Leiden usw. in eine sinnvolle Übereinstimmung bringt und verhindert, dass sie von äußeren oder späteren theologischen Anliegen1 ausgenutzt oder deformiert werden.

Campbell folgt der gängigen Auslegungstradition, wenn er davon ausgeht, dass Paulus nur einen endgültigen eschatologischen Termin im Sinn hat, was (trotz einiger gegenteiliger Proteste) dazu führt, dass sowohl die umverfügbaren Widerfahrnisse minimiert als auch abstrakte, verallgemeinernde Lesarten2 des Textes gefördert werden. Perriman scheint es jedoch sowohl historisch als auch hermeneutisch sinnvoller zu sein, den Zielpunkt der apokalyptischen Ansage in unmittelbarerer politisch-religiöser Hinsicht und in einer Weise zu charakterisieren, die die wechselhafte Geschichte eines Volkes in den Mittelpunkt der theologischen Argumentation des Paulus stellt. Nur ganz am Rande berührt Paulus universelle Themen wie die allgegenwärtige Realität von Sünde und Tod oder das Seufzen der Schöpfung nach Erneuerung.

Daher würde ich eine in Perrimans Sinne apokalyptisch strukturierte Darstellung des paulinischen Denkens und des Stellenwerts der Rechtfertigung darin ungefähr wie folgt skizzieren, wobei er mit dem Endpunkt der Erzählung beginnt und sich von dort aus zurückarbeitet.

1. Der Zorn gegen die Griechen und die Rechtfertigung des Gottes Israels.
Paulus' Argumentation zielt letztlich auf das Gericht über die griechisch-römische oikoumenē3. Damit würde sich der Zorn Gottes (ein unmodernes Wort, das es aber wert ist, beibehalten zu werden) gegen die „Griechen“ politisch-konkret ereignen und zwar so: als Verwirklichung der Verheißung, die in der Anspielung auf Psalm 2 enthalten ist, dass JHWHs Sohn die Völker erben wird. Solch ein geschichtlicher Epochenwechsel wäre ein entscheidender Beweis für die Gerechtigkeit Gottes. Daraus ergibt sich der neue „evangelische“ Sinn, in dem eine solche Lesart des Römerbriefs auch dann als evangelisch gilt, wenn der Protestantismus, wie wir ihn seit der Reformation kennen, nicht weiß, wie er mit dieser historischen Dynamik bei Paulus umgehen soll.

2. Beweise für den kommenden historischen Umsturz.
Die letztendliche öffentliche Rechtfertigung JHWHs wurde im Zeichen der Auferstehung Jesu vorweggenommen, der „durch seine Auferstehung von den Toten für den Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist der Heiligkeit erklärt wurde.“ Dies war der Kerninhalt des „Evangeliums Gottes" (Röm. 1, 1-4), das Paulus dem ganzen Reich, von Jerusalem bis zu seinen westlichen Grenzen, verkünden wollte. Es wurde auch mit der Entstehung einer ökumenischen - d. h. oikoumenē-weiten - jüdisch-heidnischen Erneuerungsbewegung (die Kirche, griech. „ecclesia“) vorweggenommen, die durch ihre bloße Existenz das gewandelte Ausmaß der Herrschaft JHWHs verkündete.

  1. Zorn gegen den Juden - die historische Verantwortlichkeit Israels.
    Wenn Israels Gott jedoch die heidnische Welt für ihren unverbesserlichen Götzendienst, ihre Unmoral und ihre Ungerechtigkeit zur Rechenschaft ziehen wollte, musste er zuerst Israel zur Rechenschaft ziehen (vgl. Röm. 3, 5-6), denn sein Volk des Gesetzes (Tora) hätte ein sichtbarer und beständiger Maßstab für die Gerechtigkeit sein sollen. Israel hätte ein Licht für die Nationen sein sollen – „ein Führer für die Blinden, ein Licht für die, die im Dunkeln sind, ein Lehrer für die Törichten, ein Erzieher für die Kinder“.
  2. Israel wurde durch das Gesetz verdammt.
    Israel scheiterte in dieser Berufung nicht, weil das Gesetz fehlerhaft war, sondern weil es sich herausstellte, dass Israel genauso in der Knechtschaft der Sünde war wie die heidnische Welt. Daher konnte Israel nicht durch das Gesetz gerechtfertigt werden; es war vielmehr sogar so weit gekommen, dass Israel durch das Gesetz verdammt wurde (aufgrund seiner Übertretungen, die den Fluch über Israel brachten).
  3. Es war so weit gekommen, dass....
    An dieser Stelle muss eine wichtige Bemerkung zum Zeitpunkt eingefügt werden, die uns daran erinnert, dass es sich hier im Wesentlichen um ein historisches und nicht um ein theoretisches4 Argument handelt. Die seinerzeit unbefriedigende Situation bestand schon seit langem vorher, was den Vorwurf verstärkte, dass JHWH bisher nicht gehandelt hatte, um sich selbst zu rechtfertigen – oder um die in seinem Namen erhobenen Ansprüche zu rechtfertigen. Paulus glaubte jedoch, dass sich die Dinge auf eine absehbare und turbulente Lösung dieses seit langem bestehenden Dilemmas zubewegten – dass Gott nicht länger bereit war, die Zeiten der Unwissenheit zu übersehen. Die Geschichte war im Begriff, sich zuzuspitzen.
  4. Eine alternative Grundlage für die Rechtfertigung der Gemeinschaft.
    Daher wurde eine alternative, vom Gesetz unabhängige Grundlage benötigt, damit einerseits die Verheißung an Abraham verbürgt werden konnte und andererseits ein tragfähiger, sichtbarer Maßstab für die Gerechtigkeit geschaffen werden konnte, an dem die Welt gemessen werden würde. Der apokalyptische Kontext – der Anbruch des Zorns – legte fest, dass nur der Glaube (die Fülle) diese konkreten Ergebnisse garantieren würde.
    7. Die Gerechten werden aus dem Glauben/ihrer Treue leben. Diese im Entstehen begriffene Gemeinschaft der Erneuerung war nicht dem Zorn unterworfen, der eher früher als später das Volk Israel verwüsten und schließlich die alte heidnische Ordnung in Vergessenheit geraten lassen würde. Aber diese Rechtfertigung im Lichte des Zorns musste unter den Bedingungen des Zorns demonstriert oder gelebt werden – die Nacht war weit fortgeschritten, der Tag des Konflikts stand bevor –, weshalb Habakuk 2, 4 für die Argumentation des Paulus so entscheidend ist. Wenn Gott das ungerechte Israel und dann den übermächtigen und unterdrückerischen Feind seines Volkes richtet, wird der Gerechte von dem Chaos nicht unberührt bleiben, aber er wird durch seinen Glauben (über)leben – nicht durch einen Akt abstrakter rationaler Erkenntnis (Campbell hat hier Recht), sondern durch ein unerschütterliches Vertrauen im Angesicht der Widrigkeiten.
  5. Teilnahme an der Geschichte von Jesus. Dieser Glaube / die Treue ist notwendigerweise eine Teilhabe an der Treue Christi, indem Christen in diese Geschichte von Leiden, Tod und Rechtfertigung des Menschensohns einbezogen werden. Diese Gemeinschaft wird durch ihren Glauben ins Recht versetzt, dass Gott dabei ist sich durch den historischen Prozess zu rechtfertigen, der durch Jesu Tod und Auferstehung eingeleitet wurde. Aber diese Rechtfertigung wäre wirkungslos und bedeutungslos ohne die praktische Nachahmung der Antwort Jesu auf seine Gegnerschaft. Das ist der Sinn der Kreuzesnachfolge.
  6. Apokalyptische Nachahmung, nicht ethische Heiligung.
    Es handelt sich nicht um eine allgemeine Hinzufügung der Heiligung zur Rechtfertigung des Gläubigen. Römer 5-8 legt den theologischen Charakter des Engagements dieser christusähnlichen Gemeinschaft – einer Gemeinschaft, die dem Bild des erstgeborenen Märtyrers entspricht – in der apokalyptischen Erzählung so dar: das Engagement wird im Sieg JHWHs über die Götter der heidnischen Welt gipfeln. Die Kapitel 12-15 enthalten weitere praktische Anweisungen, wie eine Gemeinschaft wie die Kirche in Rom als Opfergabe der Völker für die letztendliche Rechtfertigung des Gottes Israels leben sollte.

So gesehen sollte klar sein, dass die sogenannte „Rechtfertigung" weder als Heilstheorie zu werten noch als solche verworfen werden sollte: Sie ist Teil der paulinischen Begründung, warum der historische Weg einer Gemeinschaft unter drängenden eschatologischen Bedingungen so genau verläuft. Ebenso ist es ein Fehler, dem eine partizipatorische Heilslehre entgegenzusetzen. Die Teilhabe der frühen „Märtyrer“-Gemeinschaft an Christus als dem ersten Märtyrer wird sicherlich ihr „Überleben“ oder ihre letztendliche „Befreiung“ erklären, aber der Gedanke ist eine direkte Folge dessen, dass die Christen auf der Grundlage der eschatologischen Verpflichtung des Glaubens / ihrer Treue gerechtfertigt werden.

Diese praktische, erfahrungsbezogene, erzählerisch-apokalyptische Erklärung mit ihrer ihr eigenen Logik und (historischen) Bedeutsamkeit umgeht einfach die angespannte theoretisch-überzeitliche Debatte, die Campbell so akribisch beschreibt.

Damit ist die Auslegung von A. Perriman schlichter, historisch plausibler und in sich stimmiger. Und vor allem kann sie all die geschichtlich einmaligen Dinge im Römerbrief, die damaligen Kontexte und die Zukunftsperspektiven einer verfolgten kleinen jüdisch-heidnischen Christengemeinschaft in sich schlüssig darstellen.

  1. z.B. die Anliegen, die in der Reformationszeit durch die vorherrschenden Kontexte als Auslegebrille für die Rechtfertigungslehre wirkten
  2. Das sind die typisch theologischen Interpretationen: Das gilt für „die Menschheit“ und „überzeitlich“…
  3. Das ist die „bekannte Welt“, was das Imperium Romanum fokussiert, ohne feindliche Randgebiete
  4. „theologisch überzeitliches“

 

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Theologe mit Leidenschaft, transchristentümlich, post-kolonial, historisch-narrativ in Lemgo

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