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Viel anregend Integrales, ja. theologischer Neues? Es bleibt eine deutsche exegetisch-wissenschaftliche Perspektive. Mehr Purpur täte gut.

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Tilman Haberer – Von der Anmut der Welt (Rezension mit Quellen)

Eine wissenschaftliche Rezension des "Entwurfes einer integralen Theologie" von Tilman Haberer (niederländische Version hier!). Eine allgemeinverständliche Kurzversion findet sich hier.

Intro: Gott - neu gedacht

"Das Reden von Gott ist problematisch geworden, alte Gottesbilder tragen nicht mehr und viele Menschen wenden sich vom Christentum ab. Dem setzt dieses Buch Neues entgegen. Auf der Grundlage der integralen Theorie Ken Wilbers u.a. und des Buches »Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird« beschreibt Tilmann Haberer die zentralen Inhalte und Begriffe der christlichen Theologie - Gott, Christus, Mensch, Sünde, Erlösung, Auferstehung usw. - so, dass sie auch den Menschen des 21. Jahrhunderts etwas zu sagen haben." (Verlagstext)

Für alle Leserinnen und Leser von "Gott 9.0"
Provokative Denkanstöße für einen theologischen Neuaufbruch
Eine glaubwürdige Theologie für das 21. Jahrhundert

Am Ende stehen 6 exemplarische Menschen, die ein gelb-spirituelles Leben führen (in hoher Diversität der Ausgestaltung).

Kapitel 1: Theologie, ein unmögliches Geschäft - wie können wir überhaupt von Gott reden?

… allgemeine Einleitung in das Verständnis von Theologie. Nichts wirklich Neues…

Hermeneutik der Bibel mit Hilfe des Quadrantenmodells (45-54)

Nachdem er die Bibelverständnisse der verschiedenen Bewusstseinsräume reflektiert hat, betont er dass die postmoderne und gelbe Perspektive die Subjektivität als Maßstab für Wahrheit nimmt. Damit sei die Begründungslogik im 1. Quadranten a la Ken Wilber zu Hause. Er ergänzt, dass Austauschprozesse mit anderen Menschen intersubjektiv dazu führen, Wahrheit und Gewissheit zu stützen. Der 3. Quadrant „Intersubjektivität“ trägt den postmodernen „Erfahrungsglauben“ (alles hängt am subjektiven Glaubensakt) durch die intersubjektive Vergewisserung.

Der 4. Quadrant „Interobjektivität“ lässt uns selbstkritisch bleiben. Alle Wahrheit bleibt relational (wir sagen eher: kontextuell) statt absolut. Damit fallen wir - nach Haberer - wieder auf die Begründungslogik „Glaube ist eine höchst subjektive Entscheidung“ zurück (vgl. Luthers „sola fide“ neben „sola scriptura“).

Unser hermeneutischer Ansatz fokussiert Historie:

Bis dahin gehen wir mit unserem Ansatz gerne mit, steigern jedoch die Relativität deutlich prägnanter als Haberer, indem wir das Prinzip „Heterodoxität“ als das neue Normal einführen. Die historisch-kritische (modern/postmoderne) Perspektive überholen wir gewissermaßen selbst kontextuell durch eine historisch-narrative Lesart. Diese geht davon aus: In jeder Phase haben Menschen ihre Narrative für ihren Kontext stimmig entwickelt. Wir lesen im historisch-kritischen Abstand wie Menschen in ihrer beige-blaue Phase (die Zeit der Bibel) ihre Narrativbildung plausiblisiert haben. Dabei lesen wir im Hinblick auf die darin ausgedrückte Eschatologie radikal non-Dual, nämlich so: die nahende Zukunft (Eschaton) der Welt ist innerweltlich-politisch zu interpretieren - statt das übliche (neuplatonische?) Gegenüber von Diesseits und Jenseits weiter zu tradieren. So bekommen die Narrative ihre ursprünglich konkrete historische Aussagekraft zurück und werden nicht in eine ewig-überzeitliche theologische Aussage (für uns heutige) übersetzt.

Ich selbst würde hermeneutisch also anders als Haberer das Schwergewicht der Begründungslogik auf den 4. Quadranten setzen, da der viel plausibler für die Bibel-Autorität tragen kann als der 3. Quadranten der Intersubjektivät (die ja grundsätzlich nicht verkehrt ist!): Wenn wir die biblischen Zeugnisse mit ihrem objektiven Wahrheitsanspruch konsequent in der Vergangenheit lassen, samt ihrer eschatologischen Rahmenstory, erzeugen wir über die wissenschaftlich objektivierbaren historischen Phasen der Erfüllung der prophetischen Ansagen (dokumentiert in der Kirchengeschichte) gewissermaßen eine objektive Plausibilität für die konkreten prophetischen Erwartungen oder Ankündigungen im alten (Daniel) und neuen Testament (Jesus als innerweltlicher Apokalyptiker). Damit ist Perrimans historisch-narrative Exegese eine Fortsetzung der Albert Schweitzer-Schule (Stichwort: konsequente Eschatologie) seit 1904.

S. 56: Seht, seht: das 3 Farbenmodell der Gotteserkenntnis als Interreligiöses Denkmodell

Keine Religion kann das weiße Feld Gottes fassen: „Lehrsatz aus dem Mittelalter, das Endliche kann das Unendliche nicht fassen“. 57 Du bist in deiner Religion biografisch-kontextuell mit deiner religiösen Brille ausgestattet worden. Das ist die Entdeckung der Ökumene der Religionen. 

Damit verlässt Haberer die

„blauen Überzeugungen, die letzten Reste der Vorstellung, die christliche Religion verfüge exklusiv über die Wahrheit und Gott wolle sich den Menschen ausschließlich in Jesus Christus zeigen ... diese Vorstellung schränkt Gott ein, und sie schließt den größten Teil der Menschheit vom Heil, vom gelingenden Leben aus, kalt lächelnd oder auch mit großem Bedauern … aber können wir wirklich glauben, dass ein Gott, von dem es in der Bibel heißt, er sei die Liebe … und er lasse seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lass es regnen über Gerechte und Ungerechte …, dass dieser Gott den größten Teil seiner geliebten Kinder ins ewige Verderben schickt, nur weil sie ihn unter dem falschen Namen anrufen. ... Ich stelle mir das Neben- und Miteinander der Religionen wie in einem Symphonieorchester vor, in dem jedes Instrument etwas Wesentliches bei trägt…“

Haberer 57f

„Wir glauben an den selben Gott, denn es gibt nur einen Gott. Wir glauben an ihn jedoch auf unterschiedliche Weise, und das ist gut so. Denn Vielfalt ist das Grundprinzip der Schöpfung.“

Haberer 59f

Unsere Grundkritik:Haberer bleibt bei einem a-apokalyptischen liberalen Jesusbild des 19. Jh. stehen

Haberer argumentiert in diesem ersten Kapitel vorwiegend auf Basis einer klassisch orangenen aufklärerischen (liberalen) Dogmatik(!) und überwindet z.B. den Höllenmythos nicht historisch-kritisch, sondern systematisch-theologisch mit dem Argument, Gott als einen „liebenden Gott“ stark machen zu wollen (gegen einen rachsüchtig-zornigen Gott des alten Testamentes? Das wäre eine antijüdische Auslegung!) Mit dieser Argumentation reinzeniert er leider das Gottesbild des 19. Jahrhunderts. Damit wollen wir uns heute nicht mehr zufrieden geben!
Darum lautet unser postkoloniales Motto: Der Jesus des 19. Jahrhunderts, der uns in die industriell-imperiale Ausbeutungsphase der Kolonialzeit geritten hat (sie zumindest nicht verhindert hat!), wird uns nicht aus ihr - heute in Gestalt des "Neoliberalen Geldsystems" - retten können.

Kap. 2 Von Gott und der Welt

Schöpfung 7.0 – die Evolution Gottes, Quantenmechanik und schwarze Löcher

nach der Darstellung von 

KREATIONISMUS -

„Gott habe die Welt hergestellt wie ein Handwerker, macht Gott zu klein.“

64

PANTHEISMUS - hier fehlt ihm die Transzendenz, eine höhere Instanz, und damit die

„Hoffnung dass irgendetwas irgendwann grundlegend besser werden könnte.“

63

plädiert Haberer für die Paradoxie, die ihn am meisten plausibel erscheint im

PAN-ENTHEISMUS -

„ die Welt ist in Gott, aber Gott ist mehr als die Welt. Oder noch etwas schärfer zugespitzt: Alles ist in Gott, aber Gott ist mehr als alles. Und das ist wieder eine der Paradoxien, die zu strahlen beginnen, wenn sich das Bewusstsein im gelben Raum nähert.“

65

Mehr als alles:

Gott begegnet uns in dem, was ist, und gleichzeitig ist in Gott die Fülle alles dessen enthalten, was möglich ist. …reine Potenzialität. Gott selbst ist es, der vor 13,82 Milliarden Jahren begonnen hat, sich in dieses Universum zu „inkarnieren“.

67

  • Schöpfung als erste Inkarnation Gottes (Quantenmodell als Bild, vgl. Bornhauser, Gott für Erwachsene S. 68-78, der diese Idee schon mit seiner Dissertation 2002 angeregt hatte)

"Dreins" – Gott als Schöpfer, Gott als Schöpfung, Gott als Kommunikation

Haberers Kritik der klassischen Trinitätsvorstellung führt zu dem Vorschlag: statt eins oder drei, dreins.
Seine richtige Argumentation: Aus ORANGE gesehen „wirkt die Lehre von der Trinität damit eher wie eine Beleidigung für die Vernunft, ein ärgerlicher Ballast, ein Überbleibsel aus der blauen Ära" 80

Richtig ist auch seine Einschätzung: GRÜN „sieht in der Trinitätslehre ein Hindernis für den Interreligiösen Dialog, insbesondere mit den anderen monotheistischen Religionen, dem Judentum und dem Islam“ 81 (siehe christlich-jüdischer Dialog)

GELB: liebt das Paradox.

"Plötzlich beginnt die uralte Lehre wieder zu leuchten – nicht als Dogma, … sondern als wunderbar paradoxe Annäherung an eine Wirklichkeit, die sich linear-logisch nicht erfassen lässt“

81

ATEM GOTTES - GEIST:

  • Ruach „Gottes Geist ist das verbindende, so etwas wie die Schnittstelle zwischen dem ewigen, unveränderlich in sein, dass wir mit der ersten Person der Trinität assoziieren, und im konkreten, gewordenen und werdenden, dass wir in der zweiten Person der Trinität sehen.“ 89
  • Liebe Augustin-Modell (Seelenmodell)
  • Leiden: „…und das dritte: Leid und Tod sind Gott nicht fremd. Gott ist unsterblich, allmächtig und ewig – und Gott ist sterblich, ohnmächtig und vergänglich. Denn in der zweiten Person der Trinität, in Jesus, der am Kreuz gestorben ist, hat sich Gott den Menschen einverleibt – und damit ihrem Leiden und Sterben.“

Kap. 3 Jesus Christus

Jesus, der Christus 

In diesem Kapitel referiert Haberer die exegetische Forschungsgeschichte, die ich hier nur Stichwortartig zusammenfasse im Blick auf seine Grundannahmen:

  • Historischer, liberaler Messias Begriff = Christus (griech) - die Story von Jesus aus Nazareth bis zum Christentum 313 n. Chr.: S. 105-111
  • Historisch-kritische Kritik an der Auferstehung / Leben-Jesu-Forschung S. 111- 116. Von den Anfängen mit Reimarus bis zum „Jesus-Seminar“ 1985 und der Forschungsfrage nach den historisch greifbaren Spuren Jesu: Was sind wohl ureigene Worte Jesu ("ipsissima vox Jesu")? - Schlussfolgerung trotz unterschiedlicher Ergebnisse in den verschiedenen Phasen: dennoch/deshalb sind die Evangelien historisch höchst glaubwürdig.
  • Jesus, der männlich/weibliche Rabbi, 118f
  • REICH GOTTES: Hier referiert er meiner Einschätzung nach richtig die … zeitgenössische jüdisch-apokalyptische Vorstellung: Gott selbst würde eingreifen und die Herrschaft auf Erden übernehmen. An diesem Tag JHWHS würden endlich die Verhältnisse zurecht gerückt werden. Messias als Krieger-König… Dann aber biegt er (gegen die Texte!) in der klassischen Weise ab zu der rein hypothetischen literarkritischen Annahme:
    „Jesus greift diese Vorstellungen und Erwartungen auf, aber er formt sie auf sehr charakteristische Weise um. Das Reich Gottes wird nicht durch Krieg und gewaltsam in Umsturz kommen, sondern leise, fast unbemerkt, aber unaufhaltsam, so wie der Weizen heranwächst oder wie aus einem kleinen Senfkorn eine große Staude wird. Ja, das Reich Gottes ist schon angebrochen.“ 121 Luk. 17, 20f /Luk 4, 18ff "HEUTE". 
  • Jesus, referiert er, wird als HEILER im NT konfiguriert, aber... (und dieser move ist wieder typisch "Wort-Gottes-Theologie"!):
    „das Wesentliche sind seine Predigten. Seine Botschaft ist radikal, nicht nur damals, sie ist es auch noch heute. SIE lässt sich meiner Überzeugung nach in einem einzigen Gedanken wie in einem Brennglas fokussieren: im Reich Gottes wird die Trennung zwischen drinnen und draußen – der tragende Grundpfeiler der Religion im BLAUEN Bewusstseinsraum – aufgehoben.“ S. 123 (Beispiele: REIN-UNREIN, FRAUEN-MÄNNER, JUDEN-UND DIE ANDEREN, DIE GUTEN UND DIE BÖSEN, …)

„Allen Menschen – ohne Ansehen ihrer Person, ihrer Nationalität, ihres Geschlechts, ihres Renommee ist, ihrer Rechtschaffenheit, ihrer religiösen Zugehörigkeit – sollen die Jüngerinnen und Jünger mit Liebe begegnen, und die Liebe überwindet alle Trennungen. Das ist die Zusammenfassung der Lehre Jesu… damit bewegt sich Jesus zunächst ganz auf dem Boden seiner jüdischen Religion und der hebräischen Bibel. Erst in der Frage, was das bedeutet, konkret: wer denn der Nächste ist, den man lieben soll, zeigt sich Jesu besondere Radikalität. Der Nächste, das ist ja in einer traditionellen, Blau orientierten Gesellschaft auf jeden Fall ein Angehöriger des eigenen Volkes, vielleicht auch nur der eigenen, religiösen oder sozialen Gruppierung. Jesus entgrenzt, wie es für ihn typisch ist.“

Haberer S. 131 (Kursiv von mir)

Haberers ORANGE CHRISTOLOGIE(!) skizziere ich mit dieser Zusammenfassung so: 

„Die Frage nach der Wahrheit lässt sich im gelben Bewusstseinsraum also nicht durch den Verweis auf historische Fakten oder dogmatische als wahr definierte Sätze beantworten, zumal die historische Wirklichkeit ja – abgesehen von den holzschnittartig in Grundzügen, die ich dargestellt habe – gar nicht so eindeutig erkennbar ist. GELB geht anders an die Sache heran. In GELB können wir aufhören, „hinter“ dem Text nach der „eigentlichen“ Wahrheit zu suchen, nachdem, was „wirklich“ geschehen ist und was Jesus „tatsächlich“ gesagt hat. Wir können den Text als Ganzes nehmen und uns von ihm inspirieren lassen… weil er so wie er da steht, gewirkt hat.“

Soweit bezieht er sich auf die sog. Redaktionsgeschichtliche Sicht, die seit den 1985 immer mehr Gewicht bekam und ähnlich unserer "Narrative-Perspektive“ bei A. Perriman ist, der auch von der Wirkung der kanonischen Endredaktion ausgeht, dann aber die Verbindung immer zur Geschichte als empirischem Grund behält. Bedeutung lässt er streng in historischer (jüdischer!) Kontextualisierung entstehen. Haberer behauptet: Die biblischen Texte sind nicht wahr, weil wir ihnen »historische Faktizität« zuschreiben würden, sondern nur insofern sie »gewirkt« haben. Soweit ist sogar mit Andrew Perriman Konsens herzustellen, der auf die endredaktionelle Ebene und Aussageabsicht der Schriften schaut (www.postost.net). Dann aber schließt Haberer die historische Dimension fast wie aus und wechselt auf eine überzeitlich-mythische Perspektive:

»So, wie die Geschichten da stehen, haben sie Menschen berührt, verändert, getröstet, oft genug auch verstört, in die Verzweiflung getrieben und dann auch wieder aufgerichtet. Die Geschichten und die überlieferten Worte von Jesus haben archetypische Kraft, noch mehr: Sie haben mythische Kraft. Wenn wir sie als Mythos begreifen, bekommen Sie eine ganz neue Qualität von Wahrheit. Wir müssen die Bibel also mit Nichten entmythologisieren, wie Rudolf Bultmann vor 80 Jahren meinte, sondern im Gegenteil: wir begreifen ihre Wahrheit als Mythos.“

S. 13 

DF. MYTHOS nach Haberer:

„Ein Mythos ist eine Geschichte, die historisch nicht stattgefunden hat, wie etwa die Geschichte von Adam, Eva und der Schlange im Paradies… sondern eine Geschichte, die sich täglich, damals wie heute, Hier und Jetzt ereignet.“

S. 138

„Die mythische Wahrheit ist nicht geringer als die historische, sondern größer. Tiefer. Umfassender. Die historische Wahrheit ist vereinzelt, zufällig – die mythische gilt hier und heute, immer und überall. Denn ein Mythos wird nicht einfach erfunden oder ausgedacht. Im Mythos schlagen sich die Erfahrungen vieler Generationen nieder. Der Mythos hat Kraft und die Macht, das Leben zu deuten. Sonst wäre er nicht tradiert worden.“

S. 139

Mit der Hochachtung für den Mythos stellt er sich gegenüber der Entmythologisierung Bultmanns quasi postmodern taub, weil er den Spagat zwischen Mythischen Weltbild und moderner Weltanschauung ignoriert, indem er ein transhistorische 2. Naivität annimmt:

„Das ist für den GELBEN Bewusstseinsraum das Entscheidende: dass die Geschichten der Bibel, die Worte, die von Jesus überliefert worden, ja auch die Sätze, die Paulus und andere in ihren Briefen formuliert haben – Dass dieseWorte Menschen heute berühren und ihr Leben zum positiven verändern können. Und wo das geschieht, da wirkt der Atem Gottes, da wirkt Gottes Geist. Insofern kann man sagen, dass die Bibel „inspiriert“ ist, d.h. Geist gewirkt. Und das ist sie, insofern sie mit der Kraft des Mythos dich und mich erreicht, dein und mein Leben erhält, unsere Gemeinschaft informiert und verändert.“

S. 140 

Mit dieser hermeneutischen Entscheidung bleibt nur noch die allegorische oder vielleicht genauer die symboldidaktische Auslegung sinnvoll, (die er aber nicht erwähnt) und historische Ereignisse sind da leider nur noch zufällige, austauschbare Kulissen für ewige Wahrheiten. 

Fazit: Klassisch deutsch-liberale Paulusexegese im Sinne der Propheten-Anschlusshypothese (gg. engl. "New Perspective of Paul"): Christus, der Sohn Gottes 140ff

Haberer stellt diese Auslegungstradition der sog. Propheten-Anschulsshypthes also als wissenschaftlichen Konsens vor (vgl. als Gegenbild zu dieser Annahme meinen Aufsatz zur Diskussion der 70er!) und fasst zusammen:

  • Paulus interessiere sich nicht für den historischen Jesus aus Nazareth, nur für Kreuz und Auferstehung.
  • Christus gehöre eng mit Gott zusammen, wäre also Gott gleich, Phil. 2,5, Kol. 1, 15-20 (anders Perriman, siehe hier): mit dem Namen Jesus und dem Titel Christus werden zwei unterschiedliche theologische Konzeptionen vereint: hier der Mensch, der Weisheitslehrer, der Prediger der Liebe – da der göttliche Erlöser, der von Gott herkommt und wieder zu Gott geht, der von göttlicher Gestalt ist, ja: der Gott gleich ist.“ 142
  • Johannes habe eine Logos Christologie, das Wort wurde Fleisch, d.h., diese ewige Welt-Vernunft, die bei Gott ist, ja: die Gott ist, wird konkret, historisch, geht ein in die physische Welt. Das lateinische Wort für „Fleischwerdung“ lautet Inkarnation. Nach der ersten Inkarnation Gottes, die Richard Rohr zufolge in der Schöpfung, mit dem Urknall stattgefunden hat, folgt nun eine zweite, spezielle Inkarnation: der göttliche Logos geht als Mensch in diese Welt ein, als der Mensch Jesus aus Nazareth.“
  • THOMASEVANGELIUM: Jesus wird hier in einigen dieser Aussprüchen als der kosmische Christus dargestellt, der Logos, der in allem zu finden ist, was ist… sehr dezidiert spricht Jesus imThomas Evangelium davon, dass das Gottes Reich bereits gegenwärtigist: „seine Jünger fragten ihn: an welchem Tag wird die Ruhe der Toten eintreten? Und an welchem Tag wird die neue Welt kommen? Er antwortete ihnen: was ihr erwartet, ist gekommen, aber ihr, ihr erkennt es nicht“ (Logion 51)“ 144

Mensch oder Gott?

"Obwohl Jesus, die Jünger und Paulus Juden waren (Shema Israel: Gott ist einer), konnten Sie mit Psalm zwei Jesus als Christus, als Messias, verstehen. Nun aber sagen Johannes und Paulus, dass Christus Gott gleich ist, von göttlicher Gestalt, dass er vor aller Schöpfung bei Gott war, dass durch ihn die Schöpfung geschah, dass alles Geschaffene auf ihn ausgerichtet ist und am Ende in ihm wieder zusammen findet. Solche Aussagen stellen Christus eindeutig auf eine Stufe mit Gott, Sie schreiben ihm göttliches Wesen zu. Und das war für den jüdischen Glauben undenkbar.“

Haberer 146 

Mein Kommentar: All diese von Haberer referierten exegetischen Ergebnisse sind klassischer Ausdruck bestimmter deutschen Forschungstraditionen, integrieren aber in keiner Weise Ergebnisse aus dem (deutschen) jüdisch-christlichen Dialog der letzten 70 Jahre oder der englischen New Perspective on Paul-Fachperspektive. Andrew Perrian hat in seinem neuesten exegetischen Fachbuch zu Phil 2 ("In the Form of a God") allen oben genannten Inkarnations-Interpretationen mit guten Argumenten exegetisch widersprochen, weil die klassischen Auslegungen nicht den Texten gerecht werden. Er schlägt eine faszinierend andere Deutung vor, so dass die Texte im jüdischen Horizont ihrer Zeit sprechen können und plausibel werden ohne in Konflikt mit jüdischen Gottesvorstellungen zu geraten. 

Was macht Haberer also, wenn er uns diese Deutungen anbietet. Er argumentiert anachronistisch, indem er die Dogmenbildung der geschichtlich gewordenen Trennung von Judentum und Christentum bis ins fünfte Jahrhundert, die zur dogmatischen Formel der „beiden Naturen“ Christi führte, heimlich schon in biblischen Zeiten voraussetzt (Stichwort "Inkarnationsgedanke"). Und diese dogmatische Reise wird rückwirkend wieder faktisch zum Schlüssel seiner Lesart. Er liest Bibel also aus spätkonzilischer Perspektive mit dem theologischen Vorverständnis „Zwei-Naturen-Dogma“. Er anerkennt die logische Paradoxie dieses Dogmas und rettet es dennoch (gerne?) mit folgendem Move:Mit der quantentheoretischen Perspektive sind die einander logisch widersprechen Aussagen als nebeneinander stehen zu lassen.(:-) Nein, so geht Bibelexegese nicht, so liest man sich dogmatische Lieblingsgedanken in die Bibelauslegung hinein.

Paulus, der Mystiker (und Hellenist?)

„… meinen heute viele, die Jesus „toll finden“, „Paulus habe den ursprünglichen Impuls von Jesus verfälscht, aus dem Prediger der Liebe und des Friedens, dem konsequenten, aufrichtigen Märtyrer der guten Sache habe er ihn in hellenistischer Manier als Gott-Wesen gemacht und damit Jesus und seine Botschaft verraten. Damit legen sie einseitig den Akzent auf den Menschen Jesus und übersehen, wie ich meine, die eigentlich aufregende Sache. Paulus hat eindeutig Stellung bezogen im Sinne der Göttlichkeit von Jesus, dem Christus, das ist wahr.“ 

Haberer

  • Paulus radikalisiert die Botschaft von Jesus (gemäß Haberer), dass wir keine äußerlichen Reinheits-Vorschriften einhalten, kein korrekten Opfer bringen müssen, um Gott Recht zu sein
  • Erst mit Paulus, der die göttliche Herkunft des Christus betonte und darauf seine Verkündigung aufbaut, fand die Botschaft von Jesus, dem Christus ihre Verbreitung im gesamten Mittelmeerraum und darüber hinaus.

Der leidende Gott 159ff

Kreuz- und Sühne-Verständnis der Evangelien: ein GELBER Versuch des "kosmischen Christusereignisses"

„Jesus Christus, so haben wir behauptet, ist nicht das einzigartige Himmelswesen, das herab gekommen ist, um uns Menschen zu erlösen. Vielmehr gehen wir davon aus, dass in Jesus von Nazareth – wie in uns allen – der kosmische Christus zur Welt gekommen ist. Die Besonderheit liegt darin, dass der Mensch Jesus in seiner Persönlichkeit so geklärt war, dass er ein klares Bewusstsein seiner – unserer – göttlichen Natur hatte. Dieses klare Bewusstsein unterscheidet Jesus von den allermeisten anderen Menschen. Es ermöglichte ihm, in göttlicher Vollmacht zu sprechen und zu handeln.“

Haberer S. 162

KREUZ ALS MYTHISCHES SYMBOL DES MITFÜHLENS GOTTES

„An diesem scheinbar so ungöttlichem Ereignis, dem Tod Jesu am Kreuz, wird deutlich sichtbar, dass Gott sich nicht heraushällt. Im Gegenteil: in allem, was Menschen an schlimmen, schrecklichen, schmerzhaften durchmachen müssen, ist Gott mittendrin dabei. Es gibt keinen Ort auf der Welt – nicht einmal die Hölle, wenn es sie denn gebe –, an dem Gott nicht zu finden wäre. Das nimmt dem Schrecklichen nicht den Schrecken, dem Schweren nicht die Schwere, dem Leiden nicht das Leidvolle. Und doch: in alldem Leiden und alldem Schrecken ist er, der wahre Mensch, an unserer Seite und in der Tiefe unseres Herzens. Er geht mit uns, ob wir das wissen, ob wir das glauben, ob wir das spüren oder nicht.“

162f

Diese Position impliziert nach Haberer die 

  • Ablehnung des dualistischen Modells, das Prinzips „Teufel“
  • Ablehnung, dass alles Böse durch menschliche Sündhaftigkeit in die Welt gebracht sei und
  • die Erfahrung der Mystiker aller Zeiten bezeugt: „dass in göttlicher Perspektive das Leid kein Leid ist. Unser Alltagsbewusstsein mag sich dagegen sträuben, und auch mit einem gewissen Recht.“ 165

Haberer beschließt seine Argumentation (meiner Meinung nach logisch ziemlich schwach) so:

„Begreifen lässt sich das alles nicht wirklich. Das Kreuz ist und bleibt ein Mysterium. Wer behauptet, er hätte es begriffen, hat nichts begriffen.“

Haberer zum "Kreuz" 167

Mein Kommentar zu zwei Teilaspekten

zur 1. Christologie / Trinitäts-Theologie insgesamt

Die Konstruktion einer letztlich mystischen Christologie (mit den großen Referenzen zu Richard Rohr und den alten Mystikern), verlässt Haberer an entscheidender Stelle mit der These, dass wir mythologisch die Bibel lesen müssten,die historische Perspektive ohne Not und ohne Begründung… Ein gutes Beispiel wie „einfach" doch der Tod Jesu historisch zu rekonstruieren wäre, wäre diese Deutung von A. Perriman.

Die Motivation für seine Denkfigur ist sicher die moderne Frage, wie konstruieren wir denn Wahrheit aus alten historischen Texten, wenn wir das Bedürfnis verfolgen, über die historische Wahrheit zur allgemeinen gültigen (philosophischen) Wahrheit zu kommen? Das war schon Lessings Ausgangsfrage im 18. Jh. und der Startschuss zur historischen kritischen Forschung und Interpretation der Schriften. Also alles nicht neu. Nur Haberer vermeidet die historische Antwortebene und geht ohne Not auf eine allegorisch-mystische Ebene:

Dort muss er Widersprüche, die er aber selbst vorher durch seine Vorannahmen konstruiert hat mit Paradoxien auffangen. Und in seinem mystisch-paradoxen Verständnis bleibt Haberer erstaunlich konservativ, vormodern fast, im klassischen christentümlichen Denkrahmen. Er kann nicht entschieden historisch konstruieren, weil - so meine Vermutung, der Haberer befürchtet - er dann keine Wahrheit im gewünscht überzeitlichen Sinne übrig behielte.

Durch die Fokussierung auf die im 5.-6. Jahrhundert n. Chr. bis zum Konzil von Calcedon geprägten inkarnations-theologischen Vorstellungen, gelingt es ihm nicht eigenständige jüdische Interpretationsperspektiven der Zeit des 1. Jahrhunderts zu würdigen, die da wären:

Aufgrund seiner hermeneutischen Entscheidung wird der „Jesus" von Haberer (sic: die klassisch antijüdisch liberale Position des 19. Jh.!) faktisch doch zum ersten Christen, der den jüdischen Glaubensrahmen verliert, radikalisiert und damit sprengt und so eben das Christentum als neue universale Religion „erfindet". Ich bin fast erschüttert. Wieso kann Haberer die Früchte des 70jährigen jüdisch-Christlichen Dialogs nicht nutzen und statt dessen auf einer solch klassisch liberalen Position argumentativ beharren? Damit wird deutlich wie deutsch-provinziell seine Perspektive ist. Im internationalen Diskurs ist mindestens

  • aber die jüdisch-christliche Diskussion dominant und 
  • die eben außer-deutsche Paulusexegese der new perspective on Paul (N.T. Wright und Co.) breit reflektiert.

Durch seine Neo-trinitarische Interpretation der göttlichen Inkarnation in drei Stufen:

  1. mit dem Urknall inkarniert GOTT (Kosmischer Christus) in den Kosmos
  2. mit Jesus inkarniert GOTT (Kosmischer Christus) in den erleuchteten (den am meisten erleuchteten!) Menschen (hier sitzt das alte christentümlich-koloniale Verständnis, das schon Schleiermacher 1799 in seinen „Reden zur Religion“ brachte)
  3. mit dem Geist inkarniert GOTT (Kosmischer Christus) als verbundenes Prinzip (LIEBE) zwischen den Paradoxien (integrales Ziel: nonduale Weltsicht)

Der Preis dieses Moves ist die (aus meiner Sicht unnötige, weil nicht plausibilierbare!) Aufgabe der Interobjektivität der Interpretation unserer Weltgeschichte z.B. mit Hilfe des jüdisch-messianischen Narrativs, das die historischen Entwicklungen und Folgen der prophetischen Ansagen gemäß ihres Selbstverständnisses notwendig historisch beglaubigen können muss. Sonst wären Propheten eben „false prophets“. Er springt stattdessen in einen Mythos, der sicherlich (per definitionem) überzeitlich funktioniert. Und damit ohne/jenseits historische/r Forschung zu (seiner Perspektive nach) besseren (sic!) Wahrheits- Aussagen führen soll. Wirklich?

Diese seine mystischen Wahrheitskonstruktionen sind doch sehr gefährdet, weil sie der beliebigen Interpretation ohne jedes historisches (empirisches) Korrektiv ausgeliefert bleiben. Sie plausibilisieren rein subjektiv-innerlich, wenn es hoch kommt Inter-subjektiv in „mystischen GESINNUNGRUPPEN“. Hier fehlt hier, dass er die Stärke des vierten Quadranten, der die Quadranten 1-3 gut komplementieren könnte, nicht anwendet.

Gerade in Zeiten, in denen wir zu lernen haben, Abstand zu nehmen von Fake News, ist eine solche empirisch-historische Korrektur für religiöse Interpretationen für mich zwingend. Ja, unaufgeräumte Mystik rangiert in der öffentlichen Wahrnehmung ansonsten (dann zu Recht!) sehr schnell auf gleicher Ebene mit Fake News, was der Glaubwürdigkeit jeder Theologie schadet und Theologie zu spekulativer „Wissenschaft" macht.

Mit unserem Ansatz im Omegakurs, der sogenannten „historisch–narrativen Exegese“ im Sinne Andrew Perrimans, benötigen wir die mystische oder mythologische Dimension nicht, um Heilige Schriften sachgemäß zu interpretieren. Mit unserer Hermeneutik können wir stattdessen auf die historische Weiterentwicklung spiritueller Bewegungen unseren Blick richten, was Vielfalt und Realitätsbezug fördert. Obwohl durch die Spiraldynamiks-Brille solch eine Evolution spiritueller Vorstellungen und Bewegungen ja eigentlich argumentativ vorhanden ist, springt Haberer als mystischer Interpret aus einer heiligen, überzeitlichen Offenbarung direkt (ohne historische Entwicklung zu brauchen) ins Heute. Das ist ganz im Stil vormoderner Lesart: welche „überzeitlichen Wahrheiten“ lesen wir aus unseren autoritativen Texten bei allem Bewusstsein ihrer historischen Abständigkeit? Bultmann (als Kind der Moderne) wählte die Entmythologisierung, Haberer (Kind der Postmoderne) eine Remythologisierung. Wir schlagen einen 3. Weg vor.

  • Bultmann stärke noch ORANGE und kämpfte gegen Religion als Mythologie.
  • Haberer argumentiert GELB mit einer neuen Wertschätzung von Mythologie, integriert aber ORANGE nicht.

In dieser neo-mystischen Denkschule ist dem Christentum zufällig-historisch die einmalige(?), historisch erstaunliche(?) Offenbarung einer überzeitlichen Inkarnationsmythologie gelungen. Und die christliche Leitfigur Jesus gilt als die idealtypische mythische Verkörperung des „kosmischen Christus“. Dabei ist die älteste Tradition göttlicher Menschwerdung im Hinduismus überliefert.

Zum Stichwort „KOSMISCHER CHRISTUS": dieser Begriff steht in Haberers Theologie für das Inkarnationsprinzip Gottes an sich Pate. Also entwickelt Haberer aus der BLAUEN Christentümlichen Brille und mit deren Konstruktion einer Inkarnations-Trinitätstheologie eine neue GELBE panentheistische Gottes-Idee - OHNE DIE ORANGENE PERSPEKTIVE RADIKAL ERNST ZU NEHMEN UND ZU INTEGRIEREN. Diese historischen Ergebnisse (einiger früherer deutscher Exeget:innen!) schmecken ihm theologisch so wenig, das er das Thema "Gericht Gottes" einfach preisgibt. Dabei gäbe es schmackhafte neuere internationale Angebote, die alles in eine anderen Licht erscheinen lassen würden. Schade.

2. Unsere Antwort auf den mystischen Individualismus: Mit Perriman entscheiden wir uns zur Gemeinschaft gegen Individualismus (das neue TÜRKIS)

Das anti-individualistische Anliegen hat theologisch wahrscheinlich folgende Implikationen: wir müssen neue Pluridoxien (vielleicht ein besserer Begriff als „Heterodoxien“:-) wagen und

  • die Inkarnationsperspektive als Leitvorstellung grundsätzlich aufgeben.
  • die Gottesvorstellung jüdisch-monotheistisch/transpersonal statt trinitarisch konstruieren
  • den Fokus vorrangig auf die politische (jüdisch-apokalyptische)Perspektive des Gottesvolks richten
  • also den mystisch-individualistischen Fokus gegen einen ekklesiologisch-politischen Schwerpunkt tauschen
  • wir gründen sachgemäß darum mit NuPerspective keine Gesinnungsgruppen, sondern bewußt paradox TÜRKIS „heterodox-Gruppen“ oder „pluridox-Gruppen““, die eben NICHT ihre verstärkende Funktion in intersubjektiv gestärkten Wahrheiten, sondern in intersubjektiv geförderter „Befremdung“ („bewilderness“) bei gleichzeitig guter Verankerung in historisch (intersubjektiv/interobjektiv) greifbarer Welterfahrung (als Geschichte und Materie) gemeinsam geteilter Wahrheit. Das ist die von uns geforderte Umkehr zur Erde (als Gegenmodell zur Migration ins Jenseits oder subjektivistisch-dualistische Inseits).

Dies ist der zweite Teil meiner Rezension des "Entwurfes einer integralen Theologie" von Tilman Haberer. Teil 1 der Rezension drehte sich bisher um die klassisch-theologischen Felder, Gott, Jesus, Reich Gottes, Trinität. Mit dem nun folgenden Menschenbild, das dann mit der Sünden-/Erlösungsvorstellung korrespondiert, bringt er deutlich neu-spirituelle Impulse ein aus der integralen Theologie rund um Ken Wilber.

Kap. 4 sich selbst ein Rätsel (und göttlich)- der Mensch

Haberer referiert als grundlegende Rahmenstory die Evolutionsbiologische Perspektive (S. 169-172), dann nimmt er einige Deutungen auf und deutet klassische (westliche!) theologische Anthropologie dann aber um:

  • Seine Deutung des Begriffs „Gottes Ebenbild“: „Gott repräsentieren in der Welt“ 172
  • Haberers eigenständige Spitzenthese zur Anthropologie: Menschen tragen in sich die 2 Naturen „wir alle sind Gotteskinder und damit im tiefsten Kern unsterblich, ewig, göttlich, so wie wir allesamt sterbliche, endliche Menschen sind.“ 175 „...was mich persönlich an diesen Gedanken so fasziniert, ist dies: die Vorstellung, dass wir Menschen in Gott aufgehoben, in unserem innersten Wesen göttlicher Natur sind, ist kein postmoderner, esoterische Firlefanz." 176
    Haberer findet dafür Belege in seiner Bibellektüre seit dem Schöpfungsmythos im biblischen Ebenbild- /Kind Gottes-Gedanken
  • Den ostkirchlichen Begriff „Theosis" nimmt er als Begründung auf - der Mensch wird Gott: „Gott wurde Mensch, damit wir Menschen erkennen können, dass wir im innersten, tiefsten Wesen von göttlicher Natur sind. Wir können Gott nicht werden, wir sind schon Gott. Und nun gilt es, hinein zu wachsen in unsere göttliche Natur.“ 180

Ich bin - Bewusstseinsverständnis (S. 180-203)

In diesem Kapitel beschreibt er die unterschiedlichen Bewusstseinszustände, Ich-Zustände, Selbst-Zustände, und die verschiedenen neuen psychologischen Befunde zwischen Hirnforschung und Psychologie. Hier ist er ganz der heutigen humanwissenschaftlichen Erkenntnis verpflichtet.

Durch die Quadrantenperspektive kann er plausibel die verschiedenen Wissenschafts-Perspektiven und subjektive Perspektiven zusammen denken.

Kap. 5: Sünde und Erlösung - ein kosmisches Drama in mehreren Akten (S. 205ff)

Er referiert noch einmal die unterschiedlichen Sünden und Erlösungsvorstellungen der verschiedenen Farbsegmente und Bewusstseinsräume und interpretiert dann von der GELBEN Perspektive her den Schöpfungsmythos. 217ff folgendermaßen:

Gen. 3 beschreibt keinen „Sündenfall", sondern die Entdeckung des Ich-Bewusstseins, keine Strafe folgt auf dem Fuße, sondern die Bewusstheit des Sterbenmüssens und des Leidens durch das erweckte Selbst-Bewusstsein der Menschheit

Für Haberer ist dieser Urmythos die Geschichte des mündig werdenden Menschen oder des bewusst werdenden Menschen.

Sünde ist (ganz integral gedacht) „Zweiheit". 

„Sie bezeichnet die Tatsache, dass wir Menschen nicht in der ursprünglichen Einheit leben, zumindest solange wir in dieser Welt sind. Und das ist kein moralisches Defizit. Was wäre unmoralisch daran, dass wir eintmen und ausatmen, dass wir eine rechte und eine linke Hand haben, eine rechte und eine linke Hirnhälfte? Was wäre unmoralisch daran, dass es hoch und tief gibt, heiß und kalt, männlich und weiblich, vorne und hinten, angenehm und unangenehm, lebendig und tot und, ja: Gut und böse? Gott ist das große Ganze, dass Sein selbst. Gott ist die Einheit schlecht hin, oder eigentlich die „Dreinsheit“.“

Haberer (S. 233)

Die psychologische Polarität von Liebe und Angst (statt Liebe und Hass!) ist menschliche Grundmotivation. Hier lassen sich die neurobiologischen Forschung um Klaus Grawe/ Julius Kuhl im Blick auf Annäherungs-/ Vermeidungsmuster als motivationale Muster für Verhaltenssteuerung sehr gut verknüpfen. Damit ist diese Idee tatsächlich anschlussfähig an neuste Neuropsychologie.

Haberers steilste These für die klassische Dogmatik ist die Absage an den Erlösungsglauben: Christentum sei keine Erlösungsreligion. Es gehe im Gegenteil um die Bearbeitung der Entfremdung, das gute Leben mit der Zweiheit. 231f / und

„damit erledigt sich das Problem der Erlösung von selbst. Gott liebt uns, Punkt.“ ... „Es braucht keine Erlösung von seinem Zorn, dennGott war nie zornig. Wenn Gott nicht zürnt, wenn Gott nicht straft,dann braucht Gott auch nicht dieses ganze kosmische Drama. Gott braucht nicht die stellvertretende Leistung des einen Gerechten,dass all den Sünderinnen und Sünden zugerechnet wird, obwohl sie es eigentlich nicht verdient haben. Gott muss nicht versöhnt werden, Gott war nie unversöhnt. Wozu brauchtest du noch Jesus Christus? Es braucht ihn tatsächlich nicht in dem kosmischen Erlösungsdrama, es braucht ihn nicht als Mittler zwischen Gott und den Menschen, es braucht ihn nicht als „unschuldiges Opfer Lamm, das die Sünde der Welt trägt“. Es braucht ihn nicht als Retter vor dem Zorn Gottes und vor Hölle, Tod und Teufel.“

Haberer S. 249

Haberer argumentiert ganz im Sinne einer Neo-Gnosis: Es ginge um Erkenntniswachstum (griech: "gnosis") und pragmatische Übung (griech. "Askese") zur Veränderung der Entfremdung.

„Von Bedeutung für Christen ist einzig, dass Jesus uns gezeigt hat, wie wir die Sünde, d.h. die ZWEIHEIT, die Trennung oder Separation überwinden können. Ja dass sie schon überwunden ist und wir nur in die Liebe und Gemeinschaft, die längst gestiftet ist, hinein wachsen müssen und hinein wachsen können. In diesem hinein wachsen verwirklicht sich die Erlösung, die schon längst geschehen ist. Wie wäre es, wenn wir uns sagen lassen: weißt du, du hast ein viel größeres Potenzial, dass du bisher nur in Ansätzen verwirklicht hast. Da ist noch so viel mehr Leben drin! Und ich zeige dir, wie es geht.“

Haberer S. 250 

Schlüssel seiner theologischen Ethik ist der Satz: Es geht um die Liebe.

„Gott braucht unsere guten Taten nicht. Aber die Welt braucht sie. Deshalb spricht Jesus unentwegt von der Liebe. Jesus gibt keine konkreten Anweisungen, keine Regelungen für die einzelnen Wechselfälle des Lebens. Er bringt uns bei, die Trennungen aufzuheben, die wir Menschen unter uns vorfinden und immer wieder neu aufrichten. Stattdessen, so sagt er, sollen wir in unseren Mitmenschen genau das Ebenbild Gottes sehen, das wir selbst sind, und sie so behandeln, als wären sie Christus selbst. Sie sind es ja.“

Haberer 259

Zum Ende des Kapitels beschreibt Haberer seine Reinkarnationsvorstellungen in Abgrenzung zur Auferstehungsvorstellung der Bibel. Die Auferstehungsvorstellung wird von Haberer zuerst einigermaßen angemessen in historischer Perspektive referiert und historisch verfremdet eingeführt. Zugleich fehlen mir aber Deutungen und Einordnung in die jüd-apokalyptische Denktradition, wie A. Perriman sie anbietet. Siehe unten in meiner Beurteilung dazu mehr.

Eschatologie: Er konstruiert als christliche Auferstehungshoffnung keine Einzelseele(n) in der Ewigkeit, sondern ein Aufgehen in des Gesamtbewusstsein Gottes unter Mitnahme aller möglichen Erfahrungen und Bewusstseinsentwicklungen.

Ekklesiologie? Fehlanzeige — nur als pragmatische Beispielssammlung angedeutet!

6 Typen GELBER Spiritualität 

Haberer kann in einer integralen Theologie ohne jegliche Ekklesiologie auskommen, weil die eigentlich theologisch keine Notwendigkeit hat (hier ist er konsequent, weil auch für eine trad. evangelische Ekklesiologie Begründung fehlen, die in der kath. Dogmatik vorhanden sind, z.B. Kirche als Sakrament.

In diesem Kapitel arbeitet er an einer individuellen Verantwortungsethik (vorletztes im Sinne Bonhoeffers) kritisch und selbstkritisch die in der integralen Szene einseitige Verschiebung der Spannung zwischen Transformation (durch meditative Bewußtseinsarbeit) und Translation (als ethische Arbeit ) auf. Mit seinem Ansatz kann er also gut ohne Gefahr eines perfektionistischen Dralls in Richtung Transformations- und Meditationspraxis Christentum leben, erwartet aber auch „Heiligungsarbeit“ im diakonischen Vollzug.

In Freiheit und Verantwortung geht es ihm wie Wilber um eine integrale Lebenspraxis, die nicht nur spirituelle Entwicklung, sondern auch die anderen Perspektiven der psychischen, körperlichen, sozialen Entwicklungen im Blick behält. Damit verfolgt er eine ganzheitliche „Heiligungsarbeit" (die nicht einseitig ethisch formatiert ist).

Sein Kirchenbegriff ist rein funktional, Kirche ist nützlich als er eine lose Vernetzung von integralen Inseln, die integrales Leben verwirklichen oder eine integral offene Gemeindepraxis, die plural alle verschiedenen Farb-Spiritualitäten beherbergt und Ihnen Raum zum Wachsen gibt. Dabei ist es wichtig die Übergänge der verschiedenen Wachstumsschritte aus BLAU zu ORANGE und aus ORANGE zu GRÜN und von GRÜN zu GELB gut zu gestalten. Damit ist Kirche ein Übungs- oder Lernraum für integrale (gemeinschaftliche) Lebenspraxis.

Meine kritische Würdigung aus historisch-narrativer Sicht:

Mit seiner Erlösungsvorstellung rückt er deutlich in die Nähe auch unserer (der allgemein modernen) Ablehnung des augustinisch-christentümlichen Erbsünde-Paradigmas (wir geben dem aber eine andere Begründung), zugleich konstruiert er nach meinem Eindruck aber ein zu einseitig individualistisches Menschen-Bild, und eine individualistisch fokussierte Transformationsperspektive. Hier müsste sorgfältiger und tief gehender anthropologisch, soziologisch und theologisch gearbeitet werden, um die unvermeidlich soziale Bedingtheit von Mensch deutlich zu gewichten.

Sein Sündenbegriff als Zweiheit kommt als Schlüsselbegriff direkt aus der integralen Szene. Er versucht ihn (nach meinem Eindruck) irgendwie assoziativ mit biblischen Texten zu begründen, was den Texten aber eher nicht gerecht wird. Er gibt selber zu, dass er mit Jesu Aussagen (in seiner ansonsten von ihm sehr positiv beurteilten Bergpredigt) über Gericht, Hölle und den jüdischen Tun-Ergehen-Zusammenhang nicht konform geht. Seine etwas hilflose historische Spekulation deckt seine Lesart auf: 

  • entweder hat Jesus selbst eine spirituelle Weiterentwicklung erlebt und später die reine Liebe gepredigt
  • oder hat nur didaktisch methodisch an die Vorstellungen seiner Zeitgenossen an geknüpft
  • oder (so schon die bultmannsche Literarkritik) die apokalyptischen Aussagen sind ihm literarisch durch die Gemeindetheologie in den Mund gelegt worden.

Seine Argumentation folgt insgesamt klar der klassischen liberalen Interpretation der Apokalyptik-kritischen Perspektiven seit dem 19. Jh. im neuen Testament. Hier würde die aktuelle exegetischen Diskussion im Anschluss an die apokalyptische Linie von Albert Schweitzer und Andrew Perriman als kritisches Gegenposition viel sachgerechtere (weil dem Judentum des 1. Jh. entsprechend) bessere Begründungen liefern, die historisch den Befund im NT wie hier dargestellt konsistenter interpretieren, ohne den Umweg, literarkritischer (unbelegbarer) Hypothesen einführen zu müssen..

Redlich ist zwar, dass er diese seine Inkonsistenz ausdrücklich erwähnt, aber intellektuell und fachich befriedigend lösen kann er sie nicht. Er schließt mit: „Das neue Testament entwickelt keine detaillierte Lehre vom Leben nach dem Tod. Darin unterscheidet es sich von anderen Religionen, etwa dem tibetischen Buddhismus, … es wird gut sein, wie ein fröhliches Fest, sehr viel mehr wird nicht gesagt.“

Damit unterschlägt er alle apokalyptischen Texte bei Paulus und in der Offenbarung, die von der wichtigen ersten Auferstehung der Märtyrer zeugen und ihr sehr konkretes politisches „Mitregieren" vom Himmel her erhoffen, was ja eine irdisch-politische Deutung der jüdischen Auferstehungshoffung für Märtyrer und eine ihren Märtyrer-Tod rechtfertigende Perspektive darstellt.

Fazit: Anregende Neuinterpretation des 19. Jahrhunderts...

Das Buch ist zwar anregend für unser Transformations-Anliegen zur Entwicklung einer neuen zeitgemäßen Theologie, aber bestimmt sehr aufregend für blaue, orange, grüne Bewußtseinsräume. Dabei arbeitet er viele Themen in der Abgrenzung zum blauen Paradigma, aber auch orangen und grünen Perspektiven(!), gut auf. Gute Anknüpfungspunkte bietet er uns für einen Dialog mit uns und unseren Grundaxiome, dabei wäre die Hoffnung, dass unsere Beobachtungen biblischen Deutungen weitergehend und vertiefend sein Konzept schärfen oder korrigieren könnten. Vielleicht kommt es irgendwann zu diesem Austausch. Schön wäre es.

Hermeneutik: Innerhalb seiner eigenen hermeneutischen Annahmen bleibt ein grundlegender tiefer Widerspruch zu seinem integralen Anspruch, da er leider ORANGE (wissenschaftlich-historisch fokussierte) Hermeneutiken konsequent ausschließt. Haberers exegetischen Antworten bleiben deshalb in seiner Begründungslogik mit der Entscheidung zum Mythos statt zur historisch-narrativen Hermeneutik für mich (und sicher auch andere suchende Wissenschaftsfreund:innen) intellektuell unbefriedigend.

Ohne Not koppelt er sich von wissenschaftlichen Fragen ab, denn da geht meiner Meinung nach noch was mit besserer Plausibilitätschance für Rationalisten :-). Dabei ähnelt der hier geführte Streit dem alten philosophischen Disput zwischen Empiristen (1./3. Quadrant) und Rationalisten (2./4. Quadrant). Nur mit der zusätzlichen Hürde für heutige Rationalisten, dass die vernünftigen Begründungen selbst kontextuell bedingt sind, was den Verlust der Sicherheiten (vgl. Nietzsches „Gott ist tot“) zur Folge hat. Auf dem Meer der Unsicherheiten samt Verlust der bisher gegebenen großen Erzählungen (vgl. Lyotard) bleibt als einzige die mehrheitlich anerkannte moderne Evolutionserzählung (seit 1850, Darwin).

Folgen seiner mystisch individuellen Begründung seiner Theologie statt der rationalen Plausibilitäten unserer Gesellschaft

Eine politische Theologie beziehungsweise eine Gruppenperspektive in ausgearbeiteten Sinn (Ekklesiologie) kann er kaum entwickeln, da sie in seiner Logik nicht zwingend, sondern nur als Additiv zur allgemein individuellen GELBEN Praxis erscheint.

Ausgleichende Gerechtigkeit gibt es für ihn nur außerweltlich (in seinem neu bestimmten kollektiven „Jenseits“). Damit ist sein Ansatz nicht vor der eskapistischen Versuchung geschützt, die Erde doch mit einem quasi-dualistischen Verständnis ("böse" Materie zugunsten erlöster „Geistwelt") zu verlassen, um ins Paradox des überzeitlichen/überräumlichen „Nirwanas“ zu entfliehen? Diese Lösung scheint eigentlich doch sehr nah der klassisch-christlichen Erlösungsvorstellung eines „Himmels" zu gehen.

Der Rezensent Löhr komentiert dazu: Denn »es braucht den Blick der Liebe und das Vertrauen, dass das nicht alles ist, was wir mit unseren physischen Augen erblicken.« Um das nicht direkt als Aufruf zum Eskapismus zu verstehen, betont Haberer zwar die Verantwortung, die unsere Freiheit mit sich bringt. Freiheit und Verantwortung werden in der kapitalistischen, konsumorientierten Postmoderne immer noch vielfach falsch verstanden, weil sie ausschließlich aus neoliberaler Perspektive betrachtet werden. Für Haberer bedeutet Verantwortung »auf die eigenen Handlungen zu achten und darauf, dass ich mit meinem Handeln niemandem schade.«

Würden wir diesen Satz ernst nehmen, müssten wir umgehend damit beginnen, unsere Gesellschaft fundamental umzubauen. Denn unsere Art zu wirtschaften und zu leben schadet nicht nur diesem Planeten, sondern auch anderen Menschen, jetzt und vermehrt auch in Zukunft.Haberer plädiert somit für »ein Christentum und ein christlich geprägtes Denken, das der geistigen Wirklichkeit der Gegenwart nicht mehr nur hinterherhinkt (oder sich ängstlich dagegen abschottet), sondern das Gespräch mit dieser Wirklichkeit aufnimmt und mehr noch: diese weiter- und vorwärtsdenkt.«

Ja, vielleicht behauptet er das als sein Anliegen, aber seine theologische Konstruktion vermittelt gerade dazu nicht die nötigen, zwingenden Argumentationen (die wären gut rationalistisch), sondern überlässt es dem Gewissen des Einzelnen (individualistisch-empiristisch).

Seine Sündenlehre entwickelt Haberer (übrigens im Einklang mit unserem Versuch!) von der Güte der Welt/Menschen ausgehend - implizit eine Kritik und die Aufgabe des augustinischen „Sündenfall“-Dogmas.Auch Haberer ist sich dem "Ketzerischen" dieser These bewußt.Er scheint zugleich (mit allen liberal-Orange/grünen Interpretationen seit Kant!) gewiss, dass das Thema faktisch modern aufgeklärt ist (und keinen mehr aufregt). Es erstaunt mich dann aber, warum er dasErb-Sünden-Paradigma dennoch revitalisiert, indem er es mythisch-überzeitlich reinterpretiert.Hier ist er nicht konsistent mit seinem Anliegen. Ich plädiere dafür, dieses Erb-Sünden-Dogmar als BLAUES vormodernes PARADIGMA zu würdigen, aber doch aufzugeben, bzw. integral aufzulösen, um bessere Konzepte zu entwickeln, die den modernen gesellschaftspolitischen und sozialpsychologischen Paradigmen mit guter empirischer Grundlage entsprechend konstruiert sind (vgl. den revolutionären anthropologischen Ansatz des Niederländers und Bestsellerautors Rutger Bregman, 2019: Im Grunde gut).

Die Schwächen seines argumentativen Ansatzes haben sicher darin ihren Ursache, dass er vorsichtig an traditionellem (blauen?) Christentum anzudocken versucht, um Plausibilität für stark nachklingende Rest-BLAUE Anteile zu erzeugen. Hier arbeiten wir radikaler, weil unser Anknüpfungsbedürfnis für BLAU bis GRÜN nicht mehr vorhanden ist, sondernunsere Zielgruppe Menschen mit GELBEM Bewusstseinsraum ist.

Offene Forschungsthemen in unserem Ansatz:

  • Inkarnationsvorstellung - wie weit ist diese Figur nötig? Da sie das christentümliche Zentralmotiv der CHRISTOLOGIE zum Maß aller Theologie macht. Sichtbar wird das besonders, wenn die Formel des „kosmischen Christus" immer wieder bemüht wird. Was ändert sich, wenn wir an die Stelle eine konsequent sozial-evolutive Gottesvorstellung setzten? These: Gott ist immer ein Konstrukt einer politischen Gemeinschaft und nur als solches gemeinsam plausibilisierbar und hilfreich.
  • Anthropologie des „göttlichen Seelenkerns“: abhängig von der CHRISTOLOGIE/Erlösungslehre wird eine theologische Anthropologie entsprechend gestaltet… Geht es da z.B. mit „Spiritueller Intelligenz", dem religionspsychologischen Ansatz des deutschen Psychologie-Professors Julius Kuhl nicht wissenschaftlich konsistenter?
  • Panpsychismus: welche Funktion hat dieses Konzept als Begründungshilfe für Anthropologie Welt-/Gottesvorstellungen
  • welche Mystik können, müssen wir inkludieren? Es wird keine KOSMISCHER CHRISTUSMYSTIK sein können. Sondern z.B. eher und viel konsistenter eine lokale Naturmystik.
  • wenn der Messiaschristus mit der politischen Wende 313 n.Chr. zum Ziel gekommen ist… ist die offene Frage, wie wir nach dem Abdanken der „1000jährigen“ Christentumsphase mit Christus (in welcher Funktion nun?) postimperial weitermachen? Vielleicht reicht uns der JHWH und der sendet entweder einen neuen, zeitgemäßen Messias oder (jüdisch verstanden) einen neuen messianischen Prozess? Dann stehen wir mit dem Judentum und messianischen Islam gemeinsam hoffend und fragend da. Denkbar wäre es nun.

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    Theologe mit Leidenschaft, transchristentümlich, post-kolonial, historisch-narrativ in Lemgo

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