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Die Einleitung in eine revolutionäre Deutung des Römerbriefs des Paulus. Keine Seelenrettung, sondern Gesellschafts-Transformation.

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Paulus‘ Brief an die Römer Teil 1 (Kap. 1, 1-18)

Di, 03.10.2023 | Andrew Perriman siehe Original
Andrew Perriman wird in diesem Semester 2023 an der London School of Theology einen Einführungskurs über den Römerbrief unterrichten und hat daher vor, seine Lektüre des Textes in 9 Teilen öffentlich zu skizzieren. Damit bekommst du einen schnellen Eindruck wie die historisch-narrative Lesart am Beispiel des Römerbriefes zu grundlegend anderen Einsichten führt als die klassischen Varianten. Er beginnt hier mit einigen allgemeinen einleitenden Bemerkungen zu seinem Interpretations-Ansatz und einem Kommentar zu Römer 1,1-18. Da er größtenteils eher Schlussfolgerungen als Argumente vorbringt, werden viele vielleicht den Eindruck haben, dass dadurch eher viele Fragen als Antworten aufwirft. Er ist gerne bereit, in den Kommentaren mehr ins Detail zu gehen und verweist auf sein Buches über den Römerbrief "Die Zukunft des Volkes Gottes" zu besorgen hier: "Romans Before and After Western Christendom". Gerne gebe nehme ich Fragen/Kommentare entgegen und leitet sie an Andrew weiter.

Einleitung

Die theologische Grundausrichtung des Römerbriefs ist nicht vertikal, sondern horizontal. Das Problem, das der Brief anspricht, ist eben nicht die existenzielle Trennung des Menschen von Gott (vertikale Perspektive), sondern ein voraussichtlicher Bruch zwischen Vergangenheit und Zukunft und die dramatische Veränderung der damals bekannten römischen Welt (horizontale Perspektive), die Paulus' Mission mit sich bringt. Theologische Schlüsselthemen wie Evangelium, Errettung, Rechtfertigung durch den Glauben, Gesetz und Gnade, Prädestination spielen sich daher entlang einer horizontalen oder historischen Achse ab.

Die horizontale Ausrichtung des Römerbriefs macht es auch einfacher und plausibler, das Denken des Paulus mit der Geschichte Israels in Einklang zu bringen. Er erzählt eine Geschichte, die Teil einer größeren Geschichte ist.

Das bedeutet zum einen, dass die Voraussetzungen des Textes jüdisch sind, bevor sie "christlich" sind, und zum anderen, dass wir die erzählerischen Kontexte der alttestamentlichen Zitate und Anspielungen lesen und in unsere Lektüre einbeziehen sollten. Das erste Beispiel ist seine Verwendung von Habakuk 2,4 in Römer 1,17. Paulus ist nicht unbedingt ein historisch korrekter Ausleger der jüdischen Schriften, aber ich denke, wir können davon ausgehen, dass er sich bei der Entwicklung seiner Argumentation im Römerbrief auf deren implizite narrative Strukturen stützt.

Die kommende Krise hat viele Facetten: den Zorn gegen die Juden, den Zorn gegen die Griechen, die Errettung der Gemeinschaft der Gläubigen und die Errichtung der Herrschaft Jesu über die Völker.

  • Der "Zorn" Gottes ist ein unangenehmer Gedanke, mit dem man sich auseinandersetzen muss, und er wird im modernen theologischen Diskurs, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft, oft verdrängt. Aber das Neue Testament macht ohne ihn wenig Sinn. Der entscheidende Punkt ist, dass er zur horizontalen Dimension des biblischen Denkens gehört. Der Zorn Gottes wird fast immer als eine soziale oder nationale Krise erlebt, die das Wohlergehen und vielleicht die Existenz einer Stadt oder eines Volkes bedroht.
  • Paulus verweist in den ersten Kapiteln des Römerbriefs ganz bewusst auf den Griechen als das Gegenstück zum Juden. Dabei handelt es sich nicht um eine Gleichsetzung oder einen Teil des Ganzen: Der Grieche steht nicht für alle Heiden oder die gesamte Menschheit. Paulus denkt ganz konkret an die vorherrschende griechische Zivilisation im östlichen Teil des Römischen Reiches, die den Kontext für seine bisherigen Missionsaktivitäten bildete.
  • In dieser Hinsicht können wir wohl sagen, dass Paulus aus einem griechischen kulturell-religiösen Kontext heraus schrieb, nicht in einen römischen hinein. Soweit der Brief eine soziale Analyse voraussetzt, geht es um die griechische religiöse Praxis (vgl. Röm 1,19-23; Apg 17,22-29) und nicht um den römischen Imperialismus.
  • Paulus schrieb höchstwahrscheinlich Mitte der 50er Jahre aus Korinth. Der Brief könnte von Phöbe, einer Dienerin der Gemeinde in Cenchreae, einer Hafenstadt östlich von Korinth, überbracht worden sein (Röm 16,1-2). Gaius, Paulus' "Gastgeber", und Erastus lebten wahrscheinlich in Korinth (16,23).
    Paulus stellt sich als Apostel oder Abgesandter des auferstandenen Jesus vor, der die Aufgabe hat, seinen gegenwärtigen Status und seine künftige Herrschaft sowohl den Juden als auch den Heiden in der gesamten griechisch-römischen Welt, von Jerusalem bis Spanien, zu verkünden (1,1.15; 15,194-29).

Seine zweite Aufgabe besteht darin, Gemeinschaften von Glaubenden zu bilden, die seine Überzeugung und Vision teilen, und sie auf den eschatologischen Bruch (nicht "Entrückung", beachte!) vorzubereiten, der für sie ein "Tag" sowohl des Feuers und des Konflikts (13,12; 1 Kor 3,10-15) als auch der Rechtfertigung sein wird.

Die eschatologische Erzählung bestimmt also nicht nur den theologischen Inhalt, sondern auch die praktische Lehre des Briefes, und zwar in zweierlei Hinsicht.

Erstens hoffen immer mehr Griechen auf die künftige Herrschaft Jesu über die Völker (15,12); sie bekennen ihn als Herrn, sie haben die gleiche Erfahrung des Geistes gemacht wie die jüdischen Gläubigen, und sie sind in die Geschichte seines Leidens und seiner Auferstehung hineingetauft worden. Dies wirft einige schwierige Fragen über die Beständigkeit und Zuverlässigkeit Gottes und die Zukunft des auf der Tora basierenden Israels auf, die an verschiedenen Stellen des Briefes angesprochen werden, macht aber in praktischer Hinsicht die Herstellung guter Beziehungen zwischen jüdischen und heidnischen Gläubigen zu einer vorrangigen Angelegenheit.

Zweitens erwartet Paulus, dass die Gemeinden sowohl von Juden als auch von Heiden heftig bekämpft werden. Das macht das Aushalten von Leiden zum zentralen Thema seiner praktischen Lehre oder Paränese.

Paulus, Apostel des Herrn Jesus Christus (1,1-7)

Paulus stellt sich denjenigen in Rom, die "zu Heiligen berufen" sind, als Sklave Christi und Apostel vor, "ausgesondert für das Evangelium Gottes".

Das "Evangelium" ist die in den jüdischen Schriften vorweggenommene Verkündigung der guten Nachricht von einer herausragenden königlichen Gestalt: einem Sohn, der aus dem Samen Davids stammte und nun "zum Sohn Gottes in Vollmacht eingesetzt (horisthentos) ist durch den Geist der Heiligkeit seit der Auferstehung von den Toten" (1,4*).

  • Das Verb horizō wird in der Apostelgeschichte an mehreren Stellen für die „Einsetzung" Jesu als Richter verwendet:
„Und er befahl uns, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er der von Gott eingesetzte (hōrismenos) Richter über die Lebenden und die Toten sei." (Apostelgeschichte 10:42)
„… [Gott] hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird durch einen Menschen, den er dazu eingesetzt (hōrisen) hat; und dazu hat er allen die Gewissheit gegeben, dass er ihn von den Toten auferweckt hat." (Apostelgeschichte 17,31)
  • Der Sohn hat sozusagen in zwei „Phasen“ existiert: zunächst "aus (ek) dem Samen Davids nach (kata) dem Fleisch", dann „gemäß (kata) des Geistes der Heiligkeit aus (ex) der Auferstehung von den Toten". Der Parallelismus erklärt vermutlich die Tatsache, dass Jesus nun „in Vollmacht" der Sohn Gottes ist. Zur Rechten Gottes sitzend, übt er eine dauerhafte und unangreifbare Autorität aus, die er als Nachkomme Davids nach dem Fleisch nicht hätte haben können.
    Hier wird nicht an Jesus als denjenigen gedacht, der die heidnische Welt richten wird. Vielmehr ist er der davidische König, auf den die Völker zu "hoffen" beginnen (Röm 15,12-13).

Der auferstandene Christus hat die Apostel beauftragt, "den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen unter allen Völkern zu bewirken" - natürlich auch unter den Heiligen in Rom (1,5-6). Paulus wird dieses Thema in 15,14-21 vertiefen.

In einigen Punkten aber habe ich euch sehr kühn zur Ermahnung geschrieben wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, ein Diener Christi Jesu für die Heiden zu sein im priesterlichen Dienst des Evangeliums Gottes, damit das Opfer der Heiden annehmbar sei, geheiligt durch den Heiligen Geist. (Röm. 15, 15-16)

Dieses Thema der apostolischen Verantwortung bildet den Rahmen für den Hauptteil des Briefes. Jesus ist von den Toten auferstanden und hat sich als Herr zur Rechten Gottes gesetzt. Inzwischen sind viele Heiden dazu gekommen, den außergewöhnlichen Behauptungen der Apostel Glauben zu schenken - nicht zuletzt, weil sie die Wirkung des von Jesus gegebenen Geistes erfahren haben. Aber es ist von entscheidender Bedeutung, dass sie zu gehorsamen, disziplinierten, priesterlichen Gemeinschaften geformt werden, die für ihren Auftrag tauglich sind, und zwar aus Gründen, die im Laufe des Briefes noch deutlich werden. Das ist der Grund für das Schreiben des Paulus und für seinen geplanten Besuch.

Paulus' Grund zum Schreiben (Röm. 1, 8-15)

Die übliche Danksagung ist kurz: Paulus ist dankbar, dass der Glaube der römischen Gläubigen „in der ganzen Welt verkündet wird". Was ihn aber wirklich beschäftigt, als er den Brief beginnt, ist sein intensiver Wunsch, diese Gemeinschaft zu besuchen und unter ihnen „etwas zu ernten".

Nun zum Eigentlichen… (Röm. 1, 16-18)

Wir kommen nun zu dem, was wohl die Prämisse für den ganzen Brief ist. Keine Trompeten, Wolken oder Engelszenen sind hier Thema (vgl. z.B. völlig anders in 1 Thess 1,9-10; 4,15-17), im Gegensatz: ich werde argumentieren, dass diese einleitende Aussage des ersten Kapitels durch eine schlüssige und durch und durch innergeschichtliche eschatologische Erzählung von Krise und Verwandlung untermauert wird, die alles Folgende erklären wird.

Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist Gottes Kraft zum Heil für jeden, der glaubt, für den Juden zuerst und auch für den Griechen. Denn in ihm wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben um Glauben, wie geschrieben steht: "Der Gerechte wird aus Glauben leben." Denn es wird geoffenbart der Zorn Gottes vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die in ihrer Ungerechtigkeit die Wahrheit verwerfen. (Röm. 1, 16-18)

Die Argumentation erfolgt in drei Schritten: 1) der Zorn Gottes wird offenbart, und zwar implizit sowohl gegen Juden als auch gegen Griechen (vgl. 2,8-9); 2) die Gerechtigkeit Gottes wird im Evangelium offenbart; 3) diejenigen, die dem Evangelium glauben, ob Juden oder Griechen, werden gerettet und werden leben.

Das Zitat aus Habakuk 2,4 steht als biblischer Grundsatz zweifellos für sich allein, aber der Kontext, dem es entnommen ist, gibt uns einen wichtigen Einblick in den Gedankengang des Paulus.

Habakuk fragt Gott, warum er nichts gegen Gewalt und Ungerechtigkeit in Israel unternimmt (Hab. 1,2-4). Ihm wird gesagt, dass Gott die Chaldäer - "das bittere und hastige Volk" - erwecken wird, und sie werden Werkzeuge eines schrecklichen Gerichts gegen das ungerechte Israel sein (Hab. 1, 5-11).

Habakkuk versteht das: "Herr, du hast sie zum Gericht bestimmt, und du, o Fels, hast sie zur Zurechtweisung aufgestellt" (Hab 1, 12). Aber es gibt noch einen anderen Grund zur Klage. Invasion und Krieg sind wahllose und unangemessene Mittel der Bestrafung. Die Chaldäer werden nicht prüfen, wer böse und wer brav gewesen ist. Warum sollen die Gerechten zusammen mit den Ungerechten vernichtet werden?
Die Antwort, die er erhält, lautet, dass die vorausgesehene Katastrophe mit Sicherheit eintreten wird, aber der Gerechte "wird durch seinen Glauben leben" (2, 4). Außerdem wird die mächtige kriegerische Nation, durch die Gott sein Volk richten wird, ihrerseits gestürzt werden: "Weil du viele Völker ausgeplündert hast, werden dich alle übrigen Völker ausplündern" (2, 8).

Dieses Szenario des göttlichen Gerichts und des Heils unter den schwierigen und eigentlich recht untheologischen Bedingungen der Geschichte liegt der Argumentation des Paulus im Römerbrief zugrunde.

Es wird Zorn gegen die Juden geben. Paulus sagt nicht, wie es dazu kommen wird, aber Jesus hatte sehr deutlich gemacht, dass die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die römischen Armeen der zentrale oder kulminierende Moment im innerweltlichen eschatologischen Drama sein würde, zumindest aus der Perspektive Israels im römisch besetzten Palästina.

Es ist daher ein Aspekt der frohen Botschaft (Evangelium) des Paulus, dass die Gerechten diese Zerstörung aufgrund ihres Glaubens überleben werden. Die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes ist vielleicht gleichbedeutend mit der Antwort, die auf Habakuks zweite Klage gegeben wird. Gott wird dadurch gerechtfertigt oder als im Recht befindlich befunden, dass die Gerechten, die an die künftige Herrschaft Jesu glauben, vor dem kommenden Zorn gerettet werden.

Aber es ist klar geworden, wie wir gesehen haben, dass die Berufung Jesu auch einen späteren „Zorntag" gegen die Griechen mit sich bringt - gegen die götzendienerische Zivilisation, die sich dem Gott Israels und seinem Volk so lange widersetzt hat.

Die komplexe historische Situation, die gleich zu Beginn des Briefes vorgestellt wird, besteht also darin, dass eine gemischte Gemeinschaft aus Juden und Heiden in zwei Phasen vor einem „Zorn" gerettet wird, der sich zuerst gegen die Juden und dann gegen die Griechen richtet. Das Endergebnis dieser Geschichte ist in einem kurzen Brief des Wüstenvaters Isidor von Pelusium (370-449) festgehalten:

Denn der Hellenismus, der von so vielen Menschen so lange durch Sklavenarbeit und Reichtümer, durch Waffen und Worte aufrechterhalten wurde, ist von der Erde verschwunden. Aber unsere Religion, die von den Plebejern und den Analphabeten, den Armen und Ausgestoßenen gefordert wurde, verbreitete sich in kurzer Zeit wie ein Blitz über alle Völker und erleuchtete nicht nur die Augen und die Sicht, sondern auch den Verstand, da die erstere Herrschaft offensichtlich aus Fabeln (fake-news) bestand, die letztere sich aber aus himmlischen Wahrheiten konstituiert hat. (Brief 270, Migne PG 78, 341D-344A)

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Theologe mit Leidenschaft, transchristentümlich, post-kolonial, historisch-narrativ in Lemgo

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