Paulus‘ Brief an die Römer Teil , Teil 3 (Kap. 3,1-4,25)

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Die sogenannte "Rechtfertigung" aus Glauben statt aufgrund von Werken? Eine radikal neue Interpretation des evangelischen Schlüsseldogmas.

Original 17.10. 2023 | Andrew Perriman (starte mit Teil 1 | Teil 2)
Römer 3,1-4,25

Als ein Apostel des Evangeliums Gottes über dessen Sohn hat Paulus bisher argumentiert, dass die griechisch-römische Welt, wie er sie auf seinen Missionsreisen von Antiochia nach Athen kennengelernt hat, einem Tag des Zorns oder Gerichts Gottes entgegengeht. Dies bildet den historischen Horizont des Briefes.

Es wird ein Gericht über die griechische religiöse Kultur sein, die in Römer 1, 18-32 beschrieben wird. Die Griechen haben den Kardinalfehler begangen, das geschaffene Objekt und nicht den Schöpfer zu verehren, und sind deshalb von Gott der Entehrung ihres Körpers, den verdorbenen Leidenschaften und einem untauglichen Geist überlassen worden. Vermutlich hebt Paulus in 1,26-27 die gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen hervor und nicht die allgemeine sexuelle Unmoral (porneia), weil er sie als das besondere Kennzeichen einer so tief fehlgeleiteten Zivilisation ansieht.

Dann wendet er sich dem Juden zu, der sich als Richter über diese gottlosen und unmoralischen Griechen aufspielt, sich aber kaum besser benimmt. Paulus ist zu der Überzeugung gelangt, dass zuerst sein eigenes Volk gerichtet werden wird, dann die Griechen. Es hat keinen Wert, Jude genannt zu werden - und beschnitten zu sein, die Sabbat- und Speisegesetze einzuhalten usw. -, wenn die Beschneidung des Herzens nicht entsprechend erfolgt: "Beschneidet also die Vorhaut eures Herzens", sagt das Gesetz, "und seid nicht mehr starrsinnig" (Dtn 10,16).

In Kapitel drei erklärt Paulus seinen Lesern dann, warum die Juden zuerst zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Notwendigkeit eines gültigen Maßstabs für die sogenannte "Rechtfertigung"

Israel wurde "mit den Weisungen Gottes betraut", aber das bedeutet nicht, dass Gott nicht gerecht handeln und "Zorn" über sein Volk ausüben wird, wenn es sündigt. Das muss er in der Tat dann tun, wenn er über Israel hinaus "die Welt richten" will. Hier ist die Logik: Wenn der Gott Israels die griechische Welt unbestechlich richten soll, muss er zuerst sein eigenes Volk richten, das aufgrund des Tora-Besitzes und seine Einhaltung des göttlichen Gesetzes in seinem Gemeinschaftsleben einen Maßstab für die richtige Anbetung Gottes und das richtige Verhalten für die Nationen hätte darstellen sollen.

Wenn Paulus sagt: "Wir haben vorhin gesagt, dass Juden und Griechen gleichermaßen unter der Sünde sind", dann zielt die argumentative Kraft auf die Juden, die sich gewohnheitsmäßig entschuldigt haben. Die Kette von Bibelzitaten in Römer 3, 10-18 vermittelt den Gedanken, dass Israel während seiner ganzen Geschichte ohne Respekt vor Gott unrecht gehandelt hat.

Es geht darum, dass "alles, was das Gesetz sagt, zu denen redet, die unter dem Gesetz stehen, damit jeder Mund verstopft wird und die ganze Welt vor Gott zur Rechenschaft gezogen wird" (3,19). Das Gesetz (die jüdische Thora) - wie zitiert - spricht die an, die unter dem Gesetz stehen, die Juden, damit der Gott der Juden mit gutem Grund das alte System umstürzen und etwas Neues an seiner Stelle einführen kann.

Das ist natürlich eine heikle Behauptung, wenn der Ruf dieses Gottes durch das schändliche Verhalten des Volkes, das sich seiner Beziehung zu ihm rühmt, unter den Völkern in den Schmutz gezogen wurde.

Gott hat also das Recht, sein Volk zu richten: Es ist zu einer eschatologischen Notwendigkeit geworden, wenn er auch die heidnische Welt für ihren Irrtum zur Rechenschaft ziehen will. Aber es gibt, wenn man so will, eine tiefere Gerechtigkeit Gottes (als Bundestreue), mit der man rechnen muss: seine uralte und unwiderrufliche Verpflichtung gegenüber der Verheißung, die er den jüdischen Patriarchen gegeben hat. Wie schafft er also die Quadratur des Kreises? Einerseits sind die Juden zu "Gefäßen des Zorns geworden, die zum Verderben bereitet sind" (9,22); andererseits ist Gott verpflichtet, ein heiliges und gerechtes priesterliches Volk zu seinem Besitz zu machen. Das wird ein ziemlich neues und verstörendes Eingreifen erfordern.

Oh, und noch etwas. Der Plan besteht nicht nur darin, die griechische Welt zu bestrafen und es dann dabei zu belassen. Der göttliche Plan sieht vor, die griechische Welt zu annektieren und ein neues Regime Gottes zu errichten.

Dieses ganze Programm fällt also aus der Sicht des Paulus unter den Begriff der "Gerechtigkeit Gottes" - Gott handelt darin konsequent und kohärent, um den folgenden historischen Zweck zu erfüllen:

  • das götzendienerische, moralisch und sozial bankrotte System der Griechen zu verurteilen;
  • den gescheiterten, auf der Tora basierenden Maßstab der Synagogen zu verurteilen und vielleicht abzuschaffen;
  • das Rätsel oder Dilemma zu lösen, das im Mittelpunkt des Programms steht;
  • ein neues Netzwerk gerechter Gemeinschaften zu errichten, das auf den Verheißungen der Patriarchen beruht, eine neue Priesterschaft für die antike Welt;
  • schließlich die (irdische) Herrschaft (des erhöhten) Jesus über die Völker für das kommende Zeitalter einzuleiten und all jene zu "rechtfertigen" oder als richtig anzuerkennen, die unter großen Opfern an diese ganz andere Zukunft glaubten.

Die Gerechtigkeit Gottes "ohne" das Gesetzes

Nun kommen wir zum dritten Schritt: die Lösung des Rätsels oder Dilemmas, das im Mittelpunkt dieses Programms steht.

Israel im Land und - was für Paulus vielleicht noch wichtiger ist - in der Diaspora hat es versäumt, der Welt eine religiöse und ethische Gerechtigkeit gemäß dem Gesetz zu präsentieren. Infolgedessen ist Israel durch das Gesetz verurteilt worden.

Deshalb hat sich die Richtigkeit oder Rechtschaffenheit oder Integrität Gottes außerhalb des Gesetzes (ek nomou) oder "ohne"/"jenseits" des Gesetzes durch die Treue Jesu Christi gezeigt (Röm 3, 21-22). Gott hat eine unkonventionelle, noch nie dagewesene Lösung für das eschatologische Problem gefunden: Er hat den Messias Jesus "als Sühne oder Versöhnung durch den Glauben oder die Treue an sein Blut" (3, 25) hingestellt. Als Antwort auf die Treue, Gehorsam und Leiden Jesu, hat Gott über die zuvor begangenen Sünden von Juden wie Paulus hinweggesehen (er spricht hier immer noch als Jude im Namen seines Volkes), damit er den, "der an Jesus glaubt" (3,26), gerechterweise oder fair oder integer (ohne eigenen Gesichtsverlust) rechtfertigen kann.

Ich möchte nur am Rande auf dieumfangreiche wissenschaftliche Debatte darüber hinweisen, ob der Begriff "pistis Iēsou/Christou" sich auf die Treue Jesu oder auf den Glauben der Menschen an Jesus bezieht.Ich halte es sicherlich für richtig, die konkrete Treue und den Gehorsam Jesu in den Mittelpunkt zu stellen, aber der Bedeutungsunterschied der beiden Interpretationen scheint hier nicht entscheidend wichtig zu sein, zumindest auf dieser Ebene meiner Analyse.

Es ist meines Erachtens auch wichtig, die begrenzte Reichweite der Sprache von Erlösung und Sühne in Römer 3, 25 zu erkennen. Es ist nicht der einzelne Sünder zu irgendeinem Zeitpunkt und an irgendeinem Ort, der durch den Tod Jesu erlöst wird, sondern das Volk Gottes im ersten Jahrhundert, das einem Tag des Zorns Gottes gegenübersteht.

Im jüdischen Denken gibt es keine Sühne für Heiden. Die Rede ist hier vielmehr von der Erlösung einer Gemeinschaft von denhistorischen Folgen ihres Widerstands gegen den lebendigen Gott im Vorfeld der "eschatologischen" Umgestaltung der griechisch-römischen Welt.Denken Sie an den erzählerischen Rahmen von Habakuk 1-2.

Wenn es jedoch nicht mehr das Gesetz, sondern die pistis Christou (Treue | Glaube Christi) ist, durch die die Menschen in dieser Zeit des eschatologischen Umbruchs und Übergangs "gerechtfertigt" oder als im Recht befindlich beurteilt werden, dann wird es möglich, Heiden in die (christlichen) Synagogen-Ersatzgemeinden einzubeziehen als konkretes Zeichen dafür, dass Gott nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden gehört (3, 29-30). Die Zugehörigkeit zum Volk Gottes als eschatologische oder prophetische Gemeinschaft wird grundlegend durch die Haltung gegenüber dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn bestimmt. Die Kirchen bestehen aus Gott lobenden Juden und Heiden in Vorwegnahme des Tages, an dem JHWH allein von den Völkern im Namen seines Sohnes angebetet werden wird.

Durch welche Art von Glauben wurde Abraham gerechtfertigt?

Nachdem Paulus darauf bestanden hat, dass der Gott der Juden auch der Gott der Heiden ist, führt er seine Argumentation auf Abraham zurück, denn seiner Meinung nach sind nicht Mose und das Gesetz, sondern Abraham und die Verheißung das Wichtigste und Entscheidende in dieser ganzen Geschichte.

Hier haben wir das ursprüngliche Muster für das Argument der Rechtfertigung durch den Glauben.Abraham hatte Glauben, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet und nicht irgendetwas, das er getan hat - irgendetwas, das mit den Werken des Gesetzes vergleichbar ist. Die Frage, die in all den Debatten über die Rechtfertigung in unseren theologischen Diskussionen normalerweise nicht gestellt wird, ist, was der Gegenstand von Abrahams Glauben war. Woran hat er geglaubt? Nicht nur an Gott, sondern an ein zukünftiges Ergebnis: dass er "Nachkommen" haben würde und dass seine Nachkommen die Welt erben würden (4,13). Abraham wurde gerechtfertigt, weil er an eine Verheißung glaubte.

Diese Zukunftsorientierung muss beibehalten werden. Wir haben es hier weder mit dem reformierten Argument über die Rechtfertigung des Einzelnen noch mit dem Argument der "Neuen Perspektive der Paulusauslegung" (new perspective on Paul) über die Zugehörigkeit zur Bundesgemeinschaft zu tun, sondern mit einem eschatologischen Argument über das Schicksal der Welt.

Es geht um den Tag des Herrn, an dem die alten Ordnungen hinweggefegt werden und ein einziger "Nachkomme" Abrahams (vgl. Gal 3,16), eine Wurzel Isais, von den Völkern als Herr anerkannt wird (Röm 15, 12). Wer wird an diesem Tag im Recht sein? Diejenigen, die von Anfang an geglaubt haben, dass Jesus um der Sünden seines Volkes willen dahingegeben und um der Rechtfertigung derjenigen willen auferweckt wurde, die den eschatologischen (zukunftsorientierten) Glauben haben, den die gegenwärtigen Umstände erfordern (4, 24-25).

Da Abraham schon vor seiner Beschneidung für richtig ("gerecht") befunden wurde, hat der Glaube an die Verheißung Vorrang vor dem Besitz des Gesetzes. Das bedeutet für Paulus einerseits, dass der echte Jude derjenige ist, der in den Fußstapfen des Glaubens wandelt, den Abraham hatte, bevor er beschnitten wurde, und andererseits, dass die Unbeschnittenen, die an die verheißene neue Zukunft glauben, gerechtfertigt sind, ohne beschnitten zu sein - der Beweis dafür ist, dass sie denselben Geist empfangen haben, auch wenn ich mir jetzt vorauseile (siehe später meine Argumentation in Röm 4, 11-12).