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Ein Kompass: Welche große Aufgabe ist es, "heilige Texte" zu verstehen. Wie lassen sich verschiedene Deutung aushalten, vermitteln oder wann bekämpfen?

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Polyphon verstehen – eine hermeneutische Fingerübung

1000 Worte (5 Min. Lesezeit). Wir stehen im postmodernen Setting nun vor der aufregenden (und anstrengenden!) Aufgabe des Polyphones Verstehens1

Angeregt durch Gerd Theißens Buch Polyphones Verstehens2 habe ich seine Grundthesen in einen „Kompass“ gebracht, der ein komprimiertes Schaubild der spannungsvollen, komplementären Darstellung der verschiedenen Lesarten erzeugt.

In diesem Beitrag versuche ich einen Kompass der Auslegekunst vorzustellen, in dem dann auch unsere historisch-narrative-Lesart sich einordnen lässt. Spannend für mich bleibt die Herausforderung, immer lernbereit zu bleiben, indem ich die anderen Auslegungen wahrnehme und auf ihren (immer möglichen) Wahrheitsgehalt (Wahrscheinlichkeits-Grad 🙂 hin überprüfe. Andrew Perriman ist mir da ein großes Vorbild.

Sinnfrage: Wozu dient die Hermeneutik-Diskussion eigentlich?

Jede Exegese dient dazu, „Ohrfeigen“ durch Argumente zu ersetzen,

d. h. Konsens ohne Zwang und Dissens ohne Feindschaft zu ermöglichen, wenn es um die Auslegung der Bibel geht. Dabei muss sich jeder Exeget bewusst machen, dass seine Auslegung auf Vorannahmen beruht.

Im Kompassbild werden diese Konflikte außerhalb der farbigen Mitte thematisiert.


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Und so lässt sich der Kompass lesen:

Wissenschaftliche Exegese (+)

Vertritt den menschlichen Grundwert: jede Äußerung verdient es, um ihrer selbst willen verstanden zu werden. Darum applikationsfern und identitätsoffen!

Postmoderner Relativismus (-)

Es gibt keinen objektiven Sinn der Texte,

wir finden ihn nicht in ihm, sondern legen ihn in den Text hinein.

Alle Auslegungen seien daher möglich (radikaler Konstruktivismus)

Wissenschaftliche Gegen-Position gegen „postmodernen Relativismus“ (+/-)

Nicht alle, nur einige Auslegungen sind möglich. Wissenschaft kann/soll das klären, welche Interpretationen wahrscheinlicher(!), gleichwahrscheinlich oderunwahrscheinlicher sind: Das erspart „hermeneutische Bürgerkriege

Erstaunlich ist trotz dieser vielen Varianten zur Interpretation, warum denn immer noch Diskursprobleme bleiben: Warum funktioniert der Austausch der Argumente zwischen den Perspektiven nicht immer?

2. Das Machtproblem3 offenlegen

Nicht alle Gruppen haben die gleiche Chance, ihre Perspektiven in den öffentlichen Dialog einzubringen.

  • Dominierende Gruppen neigen dazu, ihre Sicht mit dem Allgemeinwohl zu identifizieren.
  • Zurückgesetzte Gruppen gehen dann in die Schmollecke. Dies führt dann zu (unnötigen?) Exegesekonflikten. Das ist der Konflikt „grün/rot“
  • Die Koalition aus kerygma-theologischer Lektüre (erste Hälfte des 20. Jh. bis 70ger) und historisch-kritischer Exegese stellt (bis) heute die Regierungspartei (Bibel der „Normalgemeinde“).
  • Die engagierten Lektüren (= femistische-, befreiungstheologische- u.a. Perspektiven) bilden die Opposition (Protestexegesen). Werden die nicht fair behandelt, zweifeln diese das ganze Regelsystem an. Ihnen wird dann wieder im Gegenzug Unzuverlässigkeit vorgeworfen.

Es geht dabei aber um zwei verschiedene Positionen des religiösen Lebens:

  1. Forschung: So darf die „historisch-kritische“ Lesart z.B. nicht mit einer „Theologie des Neuen Testaments“ identifiziert werden. Sie muss Identitätsoffen bleiben. Sie kann neutrale Methoden anbieten, die offen für verschiedene Identitäten (Konfessionen, Nichtglauben…) Texte verstehbar macht. Dabei bleibt die Konkurrenz verschiedener Exegesen normal. So wird auch die Exegese von Andrew Perriman („historisch-narrative Exegese“) immer wieder in das Gespräch mit den anderen Exegetischen Versuchen eingespielt. Das macht Perriman seit über 15 Jahren mit großem Engagement auf seinem Blog.
  2. Praxis: Sie muss sich (im ersten Schritt der Bedeutungserhebung!) von der möglichen Anwendung (= Theologie, Praxis, Spiritualität) fern halten. Wissenschaft begrenzt ihr Arbeitsfeld sauber, um zu überprüfbaren Aussagen zu kommen. (Darum wirkt manches in unserem Labor so „anwendungsfern“, und für Praktiker:innen damit blutleer oder „theoretisch“. Bedenke: Wir wollen und müssen wissenschaftlich die neuen Erkenntnisse erheben und überprüfbar darstellen. Das ist harte Knochenarbeit auf der „archäologischen“ Spurensuche nach Bedeutung jahrtausendealter Textschnipsel).

Das Ziel aller Bemühungen ist:

  • Erfassung von Sinn und Bedeutung der Texte in ihrem historischen Kontext.
  • Und dann: Wie können wir voneinander lernen, uns korrigieren?

3. Konfliktlinien gibt es viele

Auf der Textseite:

  • Diachronie = Zeitversetzte Schichten der Textentstehung
  • Synchronie = Zeitgleichheit des kohärenten Texts (unwillkürlich, unbewusst werden Ergänzungen eingetragen für eine probeweise Identifikation)
  • Intertextualität : Bezugstexte, welche wähle ich? (Und hier ist Perriman z.B. findig im Blick auf die außenbiblischen apokalyptischen Texte (Seit Qumran und später im Spiel!)

Auslegerkonflikte:

  • Vorverständnisse, die Ausleger:innen mitbringen
  • ihre kreative Lesearbeit (Einträge, die nur anscheinend „selbstverständlich sind“),
  • Zielgruppenorientierung der Ausleger:innen begrenzen die Vielfalt der Bedeutungen für ihre Leser:innen/Zielgruppen

4. Vermittlungsformen

Vielleicht gibt es einen gemeinsamen Kernfokus auf z.B: Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Pragmatiker wollen die ermittelten Interpretationen vor allem in Predigt, Meditation, Kunst und Rollenspiel vermitteln und zwar so, dass sie emotional-existenzerhellend wirken. Alle drei oben genannten Perspektiven wollen je ihre Zugänge zum Bibeltext ermöglichen. Aber mit je anderen Lesarten.

Bei engagierte Lektüren gilt das Tatprinzip (sie sind die Aktivisten unter den Bibelauslegern). Applikation, konkrete Anwendung, ist immer das Ziel. Reine Forschung reicht nicht. Diese Perspektive will also Identität ermöglichen und definieren. Immer geht es um Befreiung: vom Antijudaismus, Imperialismus, Patriarchalismus. Grundlage war oft das „Prinzip Hoffnung“ (wie Moltmann es in den 70er Jahren „klassisch“ auf den Punkt brachte). Vielleicht könnte man diese Exegesen „hermeneutischen Messianismus“ nennen. Für diese Lesart sind Konflikte zu erwarten und völlig normal, denn es geht um Befreiung von… in einem Konfliktsetting.

Wo würdest du unsere Lesart einordnen? Schreibe es in das Kommentarfeld unten und begründe es kurz.

5. Die Spannung von „new perspective on Paul“ / jüdisch-christliche Dialog mit dem Mainstream

Alle emanzipatorischen Lektüreformen stehen (aus ihrer Entstehungsgeschichte begründet) wiederum in einem latenten (verborgenen oder unterschwelligen) Konflikt mit einer Lektüre des neuen Testamentes wie er im christlich-jüdischen Dialog in Deutschland entwickelt wurde. Diese wehrte sich gegen eine Meinung, dass die neutestamentliche Befreiungsbotschft gg. alttestamentliche Gesetzlichkeit gegenüber gestellt sein soll. Diese urfalsche Alternative ist leider erst spät seit den Ergebnissen des jüdisch-christlichen Dialogs oder aus internationalen Forschungsergebnissen in der New Perspective on Paul-Exegese endgültig entlarvt worden. Und sie hat sich noch lange nicht in der „Normallesart“ durchgesetzt.

  1. Buchtitel von Prof. Gerd Theißen: Entwürfe zur Bibelhermeneutik Taschenbuch – 1. Juni 2015
  2. Buchtitel von Prof. Gerd Theißen: Entwürfe zur Bibelhermeneutik Taschenbuch – 1. Juni 2015
  3. Hier ist die postkoloniale Perspektive hilfreich, um die in der Regel unbewussten Machtgefälle aufspüren und erzählbar zu machen.

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